IT-Infrastruktur der Zukunft

Die Hybrid Cloud rockt die IT

RT_AufmachRoland Ledinger hat keinen einfachen Job. Der Leiter des Bereichs IKT-Strategie im Bundeskanzleramt muss sich seit Jahren nach der Decke strecken: »Wir haben eine Budget-Konsolidierung hinter uns mit Cuts von bis zu 25 Prozent und noch weiterhin vor uns«, erzählt er. »Die Cloud-Technologie sehen wir nun als den nächsten Schritt hin zu möglichen Einsparungen – weg von der Konsolidierung, wo in Prozessen und Architekturen eine bestmögliche Effizienzsteigerung verfolgt wurde.«

Denn, setzt Ledinger fort: »Wenn man sich die heutigen Budgets anschaut, befinden wir uns im IKT-Bereich in einer fast reinen Betriebssituation, erhalten eigentlich nur noch die Systeme und schaffen keine Innovationen mehr.« Dass die Budgets in Bälde steigen, glaube niemand so wirklich. Damit drohe aber auch der Anschluss im sonst so fortschrittlichen E-Government-Prozess verloren zu gehen. Die Cloud-Technologie jedoch sei der Treiber, um überhaupt noch einen Spielraum für Innovation zu erlangen.
Die Konsolidierung der vergangenen Jahre habe gezeigt, dass Standardisierung schwierig ist, wenn man den Standard trotzdem noch formen möchte. Die Cloud-Technologie hingegen habe den großen Vorteil, dass es ein teilweise von außen eingebrachter Standard ist, aber mit Konzentration auf die Kernaufgaben.

»Cloud-Technologie ist der nächste Schritt zu möglichen Einsparungen. Und sie hilft uns, neue Spielräume für Innovationen zu kreieren«, Roland Ledinger, Leiter IKT-Strategie des Bundes.

»Cloud-Technologie ist der nächste Schritt zu möglichen Einsparungen. Und sie hilft uns, neue Spielräume für Innovationen zu kreieren«, Roland Ledinger, Leiter IKT-Strategie des Bundes.

Gerhard Grün, Chief IT Officer der Erber Group, eines global aufgestellten österreichischen Familienunternehmens mit 60 Niederlassungen rund um den Erdball und Hersteller von Zusätzen für Futtermittel, kann derzeit hingegen fast aus dem Vollen schöpfen. Starkes Wachstum in der Vergangenheit veranlassten die Herzogenburger Eigentümer einen neuen Bürokomplex auf die grüne Wiese zu stellen – und damit auch die IT. »Das war ein Initialsetup für uns: Was werden wir tun, was brauchen wir?«

Die Aufgabenstellung am neuen Standort bestand für Grün darin, ein neues Datacenter aufzubauen. In einem Monat wird es fertig sein. Doch die grüne Wiese war auch die Herausforderung: schlechte Infrastruktur, zwar Wasser in der Gegend, aber sonst allein auf weiter Flur. Ein Ausfalls-Rechenzentrum jedoch darf nicht im selben Gebäude sein. Sollte man deshalb ein zweites Gebäude hinstellen? Und, so Grün: »Will ich mir das überhaupt antun, jeden Monat ein Aggregat anzuwerfen, um zu sehen, ob es noch funktioniert?«

»Expertise muss aufgebaut werden, um mitreden zu können. Das kann man nicht schnell einkaufen«, Gerhard Grün, Chief IT Officer der Erber Group.

»Expertise muss aufgebaut werden, um mitreden zu können. Das kann man nicht schnell einkaufen«, Gerhard Grün, Chief IT Officer der Erber Group.

Im Zuge der Datenqualifizierung stellte Grün sodann die Vorteile eigener Services jenen von Externen gegenüber. Er analysierte detailliert, welche Daten welche Anforderungen haben und kam auf drei Cloud-Ebenen an: Public mit Amazon, Azure und Google, weiters Domestic Clouds lokaler Anbieter wie ACP, Kapsch, A1 sowie natürlich eine eigene Private Cloud. Doch dann die Frage: »Warum überhaupt eine Private Cloud, wenn ich alles günstig auslagern kann?«

Grüns spontane Antwort: »Als Familienunternehmen ist es wichtig, Flexibilität zu wahren. Deshalb möchte ich die Möglichkeit haben, zu jeder Zeit alle auslagerten Services wieder ins Haus zurück zu holen, um in aller Ruhe einen neuen Partner suchen zu können. Das schafft eine gewisse Unabhängigkeit und Losgelöstheit von den SLAs.«

Folglich verglich der Erber-CIO Public und Domestic Cloud-Angebote wie eine Leasing-Variante, die er sich in schlechten Zeiten nicht mehr leisten kann: »Wenn ich mir den Luxus gönne, eine höhere Qualität einzukaufen, möchte ich das im Notfall wieder auf einer Basis betreiben, wo ich die laufenden Kosten auf ein Minimum reduzieren kann. Ich kaufe kein Auto auf Leasing, wenn ich es mir nicht im Vorhinein durchgerechnet leisten kann.«

»Die IT hat in den letzten Jahren den Wandel vom Infrastruktur-Rückgrat zum Internet Service Provider durchlebt«, Martin Hörhammer, CEO der Medialine AG.

»Die IT hat in den letzten Jahren den Wandel vom Infrastruktur-Rückgrat zum Internet Service Provider durchlebt«, Martin Hörhammer, CEO der Medialine AG.

»Das ist genau unser Ansatz«, wirft Martin Hörhammer ein. Der CEO der Medialine AG, eines deutschen Systemintegrators und Cloud-Dienstleisters, der jüngst im oberösterreichischen Hagenberg eine rot-weiß-rote Niederlassung eröffnete, spricht aus 15-jähriger Erfahrung: »Wir realisieren für mittelständische Unternehmen schon seit langer Zeit Lösungen, die unter dem Schlagwort Hybrid stehen, also zentrale, dezentrale, on-premise und gesharte Services vereinen.« Vor allem der Lizenz-Dschungel stelle oft hohe Herausforderungen an Planung und Strategie auf Kundenseite, »weil man mit einfachen Entscheidungen viele Fehler machen kann, die nachhaltige Auswirkungen auf die Nutzbarkeit von Lizenzmodellen haben«. Ein Lösungsansatz sei in der Regel die Implementierung einer Hybrid Cloud, weil sie einfach skalierbare Services mit geringer Komplexität biete, zugleich aber auch hohe Anforderungen an die Administration und die Inhouse-IT stelle, eben as-a-Service einzukaufen. »Das Risiko ist eine Verwässerung des Service-Offerings«, so Hörhammer. »Die Komplexität liegt nicht mehr in der Technologie sondern in der Vergleichbarkeit der Offerings.«

»Entscheidend ist eine gemeinsame Klammer für das Management und die Steuerung einer komplexen IT.« Alexander Spörker, Country Manager von VMware Austria.

»Entscheidend ist eine gemeinsame Klammer für das Management und die Steuerung einer komplexen IT.« Alexander Spörker, Country Manager von VMware Austria.

Wie ein Fisch im sprudelnden Quellwasser fühlt sich Martin Madlo, Managing Director von Interxion Österreich. Er ist Infrastrukturdienstleister für Anwender wie für Anbieter und erlebt mit seinen Colocation- und Hosting-Diensten ein boomendes Geschäft wie nie zuvor: »Die Datacenter-Industrie ist derzeit weltweit aufgefordert, die steigenden Nach fragen nach Kapazitäten zu befriedigen. Das heißt aber auch, dass die Komplexität enorm ist. Denn es gibt nur wenige Unternehmen, für die bloß ein Modell ihre IT abdeckt.« Das unterlegt Madlo mit einer aktuellen Studie von Interxion, laut der in den nächsten Jahren nicht nur die Hybrid Cloud sondern vor allem eine »Hybrid IT« den Weg markieren werde, sprich die Nutzung von Public und Private Cloud, wie auch jene von althergebrachten Legacy-Systemen, um »einerseits Transpositionskosten zu minimieren und andererseits, um zusammen mit Applikationen, die in Cloud nur schwer abbildbar sind, für das jeweilige Unternehmen eine optimale Lösung bilden zu können«.

»Eine Hybrid IT optimiert die Nutzung von Public und Private Cloud zusammen mit Legacy-Systemen«, Martin Madlo, Managing Director Interxion Österreich.

»Eine Hybrid IT optimiert die Nutzung von Public und Private Cloud zusammen mit Legacy-Systemen«, Martin Madlo, Managing Director Interxion Österreich.

Die Bedenken in den Unternehmen lägen jedoch weiterhin ganz klar in Security und Data Protection, aber auch in der Netzwerk-Bandbreite und im Datendurchsatz – doch da gebe es bereits die ersten Lösungen mit Hybrid Connect Services, wo Firmen die Möglichkeit haben, ihre IT im Interxion-Rechenzentrum zu betreiben und dann über direkte physikalische Verbindungen auf unterschiedlichste Cloud-Services zugreifen, die im Rechenzentrum laufen, und diese Dienstleistungen effizient nutzen können. Madlo: »Das physikalische Rechenzentrum der Unternehmen wird sicher noch nicht in den nächsten Monaten von reinen Cloud-Diensten abgelöst werden.«

Die Technologie-Anbieter waren in jüngster Vergangenheit jedenfalls sehr fleißig, um eigene Plattformen breit und universell aufzustellen. Hinzu kommen sogenannte Solutions-out-of-the-box, die innerhalb kürzester Zeit nutzbar sein sollen, lautet das Versprechen. Alexander Spörker, Country Manager von VMware Österreich, wirft seine eigenen Erfahrungen über die Vereinfachung der IT ein: »Wenn ich den klassischen Kunden sehe, so sind das Bundeskanzleramt und Erber aus kommerzieller und technischer Sicht heute weit voraus. Der österreichische Kunde macht sich schon Gedanken darüber, wie er aus der Cloud heraus kommt, bevor er überhaupt noch drinnen ist. Er sieht nicht die Mehrwerte, die er damit schaffen kann. Sei es, dass er die Betriebskosten reduzieren kann oder dass er dauernd nach Alternativlösungen suchen muss, wenn die Voraussetzungen nicht mehr passen.« Viele Kunden hätten noch keine Daten- und Anwendungsklassifizierung gemacht, um zu sehen, was sie überhaupt theoretisch in irgendeiner Cloud betreiben könnten und stünden eher abwehrend der ganzen Sache gegenüber.

Eine Hybrid IT sieht Spörker so: »Es lässt sich nicht alles virtualisieren. Entscheidend ist, dass ich eine gemeinsame Klammer schaffe, mit der ich letztlich die komplexe IT managen und steuern kann. Viele Kunden wissen gar nicht, was ein IT-Service überhaupt kostet. Weil es sich aus verschiedensten Komponenten zusammensetzt – sei es lokale Infrastruktur, RZ-Facility, Dieselaggregat, externe zugekaufte Leistungen etc. Sehr oft wird über den Daumen geschätzt. Und dann ist es schwer, zum Kostenvergleich an Public oder Domestic-Cloud-Anbieter heranzutreten – unabhängig von der Technik, die dahinter steht. Das ist eine Challenge, vor der wir alle stehen«, so der VMware-Chef.

»Was man früher von der IT bezogen hat, gibt es heute auch ohne die IT. Das Business kann wählen, wen es beauftragt«, Ewald Glöckl, Country Manager Austria von NetApp.

»Was man früher von der IT bezogen hat, gibt es heute auch ohne die IT. Das Business kann wählen, wen es beauftragt«, Ewald Glöckl, Country Manager Austria von NetApp.

Gegenwärtig würden für eine Hybrid IT mit den Infrastruktur-Partnern die Voraussetzungen auf Softwareseite geschaffen, ebenso wie auf der physischen Infrastrukturseite. Doch künftig müsse sich der Kunde nicht mehr mit Einzelkomponenten auseinandersetzen, um dann in mühevoller Kleinarbeit einen IT-Service zu bauen. Sobald die Voraussetzungen auf der physischen und der Softwareseite in der Infrastruktur geschaffen sind, genüge es zu sagen, welche Applikation und welche Daten wichtig sind. Das Ganze laufe dann unter dem Leitsatz »Freedom of Choice«, also die Wahl zu haben, es heute bei diesem Domestic Cloud-Anbieter und morgen bei einem Public Cloud-Anbieter abzuholen, weil der es gerade auf Basis eines monatlichen Mietmodells in einer Aktion supergünstig anbietet. Übermorgen könne man die Daten wieder zurückholen, wenn man wolle. »Doch da sehen wir einen großen Disconnect«, so Spörker, denn: »Ein Hybrid Cloud-Modell funktioniert nur dann, wenn ich in Lage bin, den Service zu übergeben, aber im Bedarfsfall auch wieder zurückzuholen. Das kann ich aber derzeit bei keinem Public Cloud-Anbieter.«

»Viele denken, ihre IT sei service-orientiert aufgestellt, doch in Wahrheit ist sie meilenweit davon entfernt«, Stefan Trondl, Country Manager von EMC Österreich.

»Viele denken, ihre IT sei service-orientiert aufgestellt, doch in Wahrheit ist sie meilenweit davon entfernt«, Stefan Trondl, Country Manager von EMC Österreich.

Ewald Glöckl, Country Manager Austria bei NetApp, hakt ein: »Die Cloud hat eine zusätzliche Wahlmöglichkeit auf den Markt gebracht. Was man früher von der IT bezogen hat, gibt es heute auch ohne IT. Das Business kann wählen, ob es die IT oder jemand anderen beauftragen will. Diese Zusatzoption, die der Markt heute zur Verfügung stellt, ist aus der Cloud entstanden. Ketzerisch betrachtet, kann das aber an der IT komplett vorbei gehen«, spricht er Thema Schatten-IT an. Am Ende des Tages sei die IT Mittel zum Zweck. Für den Technologie-Anbieter gehe es darum, diese Szenarien möglichst universal anbieten zu können. »Der Kunde muss sich entscheiden, welches Service und welcher Bezugsweg sinnvoll sind«, so Glöckl, »und wir sind gefragt, es möglichst einfach zu gestalten, da hinein- und wieder herauszukommen oder wie auch immer zu mixen. Damit ergibt sich dieses Hybrid-Bild heute als praktische Variante.«

»Wenn Time-to-Application mit einem Cloud-Service schneller geht, wird das einfach mit einem solchen gemacht«, Horst Heftberger, Country Manager von Hitachi Data Systems.

»Wenn Time-to-Application mit einem Cloud-Service schneller geht, wird das einfach mit einem solchen gemacht«, Horst Heftberger, Country Manager von Hitachi Data Systems.

Die Auswahl als Kunde zu treffen, sei allerdings in der Praxis durchaus eine Challenge. Auf Business-Ebene spielten Daten eine essentielle Rolle. Deswegen müssten die Anbieter die dazu nötige Technologie bereitstellen, um die Anforderungen wie Verfügbarkeit, Managebarkeit oder Kosteneffizienz möglichst in allen Szenarien zu kombinieren.
Stefan Trondl, Country Manager von EMC Österreich, findet gleichfalls spannende Aspekte: »Das Schlagwort Cloud deckt auch zu, was sich dahinter verbirgt. Wir sehen viele Kunden, die zwar sagen, sie haben eine Private Cloud und ihre IT sei service-orientiert aufgestellt, doch in Wahrheit ist sie meilenweit davon entfernt.« Das sei genau der Grund, warum es »Schatten« gebe: »Benutzer sehen plötzlich, wie so ein service-orientierter Ansatz aussehen könnte. Pay-per-use und monatliche Kündbarkeit ist nicht mehr dieser Kostenblock, wo der Fachbereich bisher für die IT x-tausend Euro abzuführen hatte. Den Anwendern wird es mittlerweile sehr transparent, wie das aussehen könnte. Sie sehen aber gleichzeitig, dass die IT intern nicht dafür aufgestellt ist.«

Horst Heftberger, Managing Director bei Hitachi Data Systems, findet einen neuen Zugang zum Thema: »Vorige Woche habe ich mir einen Tesla ausgeborgt. Ich bin 200 Kilometer nach Oberösterreich gefahren, dann war die Batterie gar. Ein Hybrid-Auto wäre besser gewesen, denn dann hätte ich mit Benzin weiter fahren können.« In der IT sei es eben ein Zusammenspiel von Public, Hybrid und Private Cloud, so Heftberger weiter. »Was wir Hersteller anbieten, führt zu einer massiven Vereinfachung und Konsolidierung der Systeme. Server, Storage, Netzwerke wachsen zusammen. Ein Paradigmenwechsel wird stattfinden. Wir werden bald keinen Server-, Storage- oder Netzwerk-Administrator mehr haben, sondern nur einen Ressource Manager, der das gesamte IT-Environment managt, um ganz nach dem Schlagwort Time-to-Application die Geschäftsprozesse schneller zu unterstützen.«

Wandel der IT. Die zunehmende Autonomie von Fachabteilungen, eigene Budget-Hoheiten für IT-Anschaffungen sowie auch Investitionsentscheidungen an der IT vorbei – gerade in Zeiten des Cloud Computing – kann Roland Ledinger in der öffentlichen Verwaltung nicht erkennen: »Bei uns ist das relativ einfach: Ein Mitarbeiter darf das, was ihm gesagt wurde. Und alles andere ist nicht erlaubt.«

Nichtsdestotrotz sieht er den Wandel der IT, Bereitsteller für die internen Kunden zu sein: »Wir müssen uns in eine andere Rolle begeben, in die des Integrators und des Beraters. Welche Services kann ich aus der Public Cloud beziehen, welche kann ich lokal machen? Wie kann ich sie verknüpfen? Da sehe ich eine ganz neue Rolle der internen IT.«

Der Wandel der Welten bedeute für die IT-Abteilungen, sich neu aufstellen zu müssen. Es werde eine Gruppe für die Bedienung der Private Cloud geben und andererseits Integratoren oder Berater für die Fachbereiche, wie diese schnell zu einer Lösung kommen. »Der Fachbereich weiß, was er tun will, und wir zeigen ihm das Portfolio des Marktes.«

Was Ledinger bei diesem Prozess allerdings Sorgen bereitet, ist die Frage: »Wie bekommen wir unsere Leute dorthin, dass sie noch immer das klassische Spezialistentum in der IT besitzen und auf der anderen Seite diese Portfolio-Berater unterstützen. So machen wir plötzlich einen Spagat innerhalb der IT-Abteilungen. Plakativ gesagt, sind das eine die Denker, die nie einen Schraubenzieher angreifen müssen, und die anderen klettern durch den Doppelboden. Da besteht die Gefahr, dass wir in das klassische Log-in geraten, fertige Lösungen paketiert zu kaufen und dabei das Expertentum zu verlieren. Das ist eine Herausforderung für die IT-Abteilungen: Wie erhalte ich zumindest das Minimum an eigenem Knowhow, um Legacy-Systeme oder Private Cloud betreiben zu können, aber auch die Kompetenz zu besitzen, um Cloud-Anwendungen im Bedarfsfall heimzuholen, wenn ich mir das Leasing nicht mehr leisten kann.«

Schatten-IT. Alexander Spörker unterstreicht das: »Die Technologien und Möglichkeiten sind zwar verfügbar. Aber es erfordert ein Umdenken von den IT-Abteilungen, von den Fachabteilungen, in den Prozessen, beim Personal. Wir haben nicht nur in der Physik und in der Technik noch immer Silos, auch bei den Personen.«

Eine Schatten-IT sei definitiv erkennbar, so Spörker: »Was wir aber noch sehen: dass dieser Bedarf, der bei den Fachabteilungen entsteht, oft nicht richtig an die IT kommuniziert wird. Das ist eine Lücke, die auch wir als Anbieter füllen müssen.«

Die Kommunikation zwischen der IT und den Abteilungen ist für Gerhard Grün eine Frage der Unternehmenskultur: »Zu einer Schatten-IT kommt es, wenn in Fachabteilungen Bedürfnisse geweckt werden, die nicht gedeckt werden können. Wir halten das im Rahmen, weil ein Vertrauensverhältnis da ist und die Fachabteilung bei jeder technischen Frage zuerst zur IT kommt und nachfragt.«

Vermittler sein. Zum Knowhow-Thema meint der Erber-CIO: »Expertise muss aufgebaut werden, um mitreden zu können. Die Rolle des IT-Leiters in der Zukunft ist, Vermittler zu sein für die Fachabteilungen, zu entscheiden, ob man es selbst macht oder von außen hereinholt. Wir müssen einen Fuß in der Tür haben, um zu wissen, wie eine Connectivity zur Public Cloud und wie zur Domestic Cloud funktioniert. Das muss ich mir erarbeiten und kann es nicht schnell einkaufen.«

Martin Hörhammer von Medialine reflektiert die Sicht des Integrators: »Das ist der Paradigmenwechsel, den die IT in den letzten Jahren durchlebt hat vom Infrastruktur-Rückgrat des Unternehmens zu einem Internet Service Provider. Tatsächlich sieht der Kunde jetzt im Provider den Driver. Er nennt diese und jene Business-Anforderungen. Doch die Komplexität liegt in der Bandbreite: Infrastruktur, Storage, Connectivity, Colocation, Security, Business Continuity bis hin zu Software und Application. Der Kunde möchte nicht wissen, wie das gemacht wird, sondern was dabei herauskommt – und das alles natürlich erklärt haben, um nicht ganz das Knowhow zu verlieren, was im Hintergrund passiert.«

Martin Madlo von Interxion ergänzt: »Die IT-Abteilung muss der Cloud-Broker zwischen den Fachabteilungen sein. Einerseits beraten, welche Dienste effizient und kostengünstig eingesetzt werden können, andererseits innerhalb des Unternehmens die Rahmenbedingungen schaffen, unter denen solche Cloud-Services eingesetzt werden können.« Da gehöre Datensicherheit dazu wie auch rechtliche Themen, betreffend die SLAs, um Services nutzen zu können: »Hier gibt es ein breites Betätigungsfeld für eine IT.«

Stefan Trondl von EMC bestätigt: »Die Cloud-Thematik bringt eine Entwicklung mit sich, bei der ganz neue Jobs entstehen. In einigen Jahren wird der Netzwerk-Administrator vom Humboldt-Institut nicht mehr der Traumjob sein, wenn die Ausbildung fertig ist. Hier werden ganz andere Anforderungsprofile gefragt sein. Neue Chancen werden sich auftun. Das sind Herausforderungen für alle.«

Martin Madlo zitiert nochmals seine aktuelle Studie: »Speziell bei Information Security ist in Österreich deutlich mehr Response zu erkennen als in anderen Fragen, und auch Company Policy ist überdeutlich vertreten bei den Antworten, warum Cloud-Services derzeit bei heimischen Unternehmen nicht in Frage kommen. Es ist die große Herausforderung für die Anbieter in diesem Bereich, genau auf diese Themen Antworten liefern zu können. Das ist aber auch eine große Chance in Österreich, um die Adoption Rate dieser Dienstleistungen zu erhöhen.«

Time-to-Application. Flexibilität und eine Neuprofilierung der IT sind dazu aber unumgänglich, weiß Horst Heftberger von Hitachi Data Systems. Er bringt schließlich noch einen nicht unwesentlichen Aspekt ein: »Gartner sagt, 70 Prozent der Budgets werden in zwei Jahren nicht mehr von den CIOs vergeben, sondern von den Fachabteilungen. Das sehen wir bereits ganz massiv. Wer trifft beispielsweise heute eine SAP/HANA-Entscheidung? Bei weitem nicht der CIO, sondern Business-Leute. Time-to-Application ist das wichtige Thema, und wenn das mit einem Cloud-Service schneller geht, dann wird das einfach mit einem Cloud-Service gemacht.«

Das macht auch die gegenwärtige Spannungslage für die weitere Entwicklung der IT umso prickelnder, weiß Ewald Glöckl von NetApp: »Aus Marktsicht gesehen gibt es derzeit sehr viele Offerings. Manche sind noch sehr jung und in ihrer Form in Österreich noch kaum umsetzbar. Aber was ganz spannend ist: Es gibt ein Offering, das erstmals ohne IT funktionieren könnte.«

Fazit. Es gibt zahlreiche Chancen und Risiken, mit denen die IT-Verantwortlichen lernen müssen umzugehen. Nicht nur, dass sie sich von Neuem überlegen müssen, was die zentralen Angebote für die internen Kunden sind. Sie werden künftig auch viel mehr Freiräume zulassen, diese allerdings mit einer entsprechenden Policy für unternehmenskritische Daten absichern müssen und dafür bei den Anwendern das nötige Bewusstsein schaffen. Doch dafür müssen sich auch die IT-Abteilungen selbst umorientieren und von einer höheren Ebene einen Überblick auf das »Big Picture« zu erhalten.

Eine Veränderung ist unausweichlich, doch gleichzeitig eine Weiterentwicklung und eine Chance für die IT. Den über seine Command-Lines gebeugten Nerd gibt es heute nicht mehr. Am Ende des Tages ist alles produktivitäts- und wertschöpfungsgetrieben. Infrastruktur ist kein abgeschottetes Thema mehr. Es gilt, was auf der Application-Seite herauskommt. Die Business-Anforderungen verlangen bedarfsgerechte Lösungen. Und die gilt es zuerst einmal zu definieren.

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