Big Data

Am Umschlag zur neuen Qualität

MayerSchönbergerDie Zukunft hat längst begonnen. Sie fußt auf den Daten, die wir erzeugen, und ihr Name ist »Big Data«. Das hat auf jeden Fall mit der absoluten Menge an Daten zu tun – »auch wenn das nicht ganz ausreicht«, wie Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger ausführt. Rückblickend begann die enorme Zunahme an Daten vor etwa 20 Jahren in der Naturwissenschaft – etwa in der Astronomie mit dem »Sloan Digital Sky Survey«, dessen Teleskop im Jahr 2000 in Betrieb ging und in den ersten Wochen mehr Daten sammelte, als in der gesamten Geschichte der Astronomie je gesammelt wurden. In den letzten 15 Jahren häufte das Teleskop 200 Terabyte an Astronomie-Daten an. Sein Nachfolger wird diese 200 Terabyte in fünf Tagen einholen. Zudem gehen heute alle Internet-Unternehmen an Daten über: 500 Millionen Tweets am Tag, 800 Millionen Youtube-User laden pro Sekunde eine Stunde Video hoch, 10 Millionen Fotos kommen auf Facebook pro Stunde hinzu, und Google verarbeitet einige Dutzend Petabytes am Tag.

Die beste Schätzung über die Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit sagt, dass die Welt 1987 über etwa 3 Milliarden Gigabyte an Daten verfügte, 20 Jahre später war diese Menge auf das 100-fache angestiegen. Zuletzt habe die Daten in den historischen Jahren 1450 bis 1500 derart radikal zugenommen – in diesem Zeitraum verdoppelte sich dank der Gutenberg-Presse die Datenmenge in der Welt. Heute geschieht dies alle ein bis zwei Jahre.

Was aber nur die eine Hälfte der Geschichte ist. Die andere erzählt, dass im Jahr 2000 drei Viertel der Daten in der Welt analog waren, kaum 15 Jahre später sind es weniger als 1%. Mayer-Schönberger: »Innerhalb von 15 Jahren hat sich die analoge Welt in eine digitale gedreht.« Der Oxford-Professor greift zum Beispiel der Fotografie: »Wenn ich 16 Bilder pro Sekunde aufnehme und die Fotos ganz schnell zeige, dann wird aus der Zunahme der Quantität plötzlich eine neue Qualität, ein Bewegtbild, der Film. Bei Big Data passiert etwas ganz Ähnliches. In dem Maße eine enorme Quantität der Daten entsteht, schlägt es irgendwann einmal um in eine neue Qualität.«

Nicht Warum, sondern Was. Im Zeitalter von »Small Data« war das ein absolutes No-go – verständlich, wenn man nur 10 Datenpunkte hat, von denen drei davon schlecht erfasst sind. Aber wenn von 10 Millionen Datenpunkten vielleicht 1000 schlecht sind, ist das kein großes Problem.

»Die enorme Quantität der Daten schlägt es um in eine neue Qualität«, Viktor Mayer-Schönberger, Universitätsprofessor für Governance & Regulation am Oxford Internet Institute.

»Die enorme Quantität der Daten schlägt um in eine neue Qualität«, Viktor Mayer-Schönberger, Universitätsprofessor für Governance & Regulation am Oxford Internet Institute.

»Das bedeutet nicht, dass wir unsere Suche nach der Exaktheit aufgeben«, sagt der Wissenschaftler, »sondern nur, dass wir Exaktheit als Trade-off verstehen und mit einer gewissen Menge an Daten eine Unschärfe zulassen können, in dem Bewusstsein, dass wir neue Korrelationen erkennen können.« Allerdings: »Das erklärt uns nicht, warum etwas geschieht, sondern nur was geschieht«, erläutert Mayer-Schönberger. »Wir erreichen einen neuen Blick auf die Realität – in einer Detailliertheit und Umfassendheit wie nie zuvor.«

Datafizierung der Welt. Das erfordert gleichzeitig aber auch die Abbildung der Welt in Daten, also eine »Datafizierung«. Was schon weit fortgeschritten ist. Man denke nur an die Ort-Identifizierung und die Nutzung von Navigationssystemen.

Doch es geht noch viel weiter. In Japan datafizieren Forscher den menschlichen Hintern und vermessen mit zahlreichen Sensoren das Gesäß jedes Einzelnen, da dies so gut sei wie ein individueller Fingerabdruck. Die japanischen Forscher wollen es als Diebstahlschutz für Autos einsetzen.

Anderes Beispiel: Google Glasses – die Datafizierung des menschlichen Blicks, denn es ist wertvoll zu wissen, worauf wir eigentlich blicken – auf welche Werbetafeln, auf welches Produkt im Schaufenster etcetera. »Genau in diese Richtung entwickeln wir uns«, so Mayer-Schönberger. »Immer mehr Aspekte der Wirklichkeit werden in Daten abgebildet. Daraus wird Wert geschöpft, wirtschaftlicher aber auch gesellschaftlicher Wert.«

Wert & Wiederverwendung. In der Vergangenheit wurden Daten für die Beantwortung einer Frage aufwändig und teuer gesammelt – und weggeworfen. Das wird sich ändern: »In Zukunft erkennen wir, dass sich der Wert der Daten nicht in dem einen Zweck erschöpft, für den wir sie gesammelt haben. Der ökonomische Wert von Daten ist die Menge aller Wertschöpfungen, die ich aus allen Wiederverwendungen der Daten gewinnen kann«, so Mayer-Schönberger. »Es ist wie auf einem Eisberg, wo wir bisher nur die Spitze genutzt haben, aber riesig viel Wert unter der Oberfläche ungenutzt bleibt.«

So holt sich etwa das im MIT-Umfeld gegründete Start-up PriceStat von allen Internet-Anbietern von Amazon bis Geizhals die Preisinformationen von Konsumgütern herunter – Milliarden von Preisinformationen jede Stunde. Diese verwenden sie, um die Inflationsrate nahezu in Echtzeit hervorzusagen. Was nun auch der britische Economist für Vorhersagen über Argentinien nutzt, da die Herausgeber den dortigen Statistikern nicht mehr glauben. Das ist Wiederverwendung von Daten, bemerkt Mayer-Schönberger: »Das bedeutet aber, dass sich Unternehmen wandeln und ihre Geschäftsmodelle ändern werden.«

Datenschutzrecht gefordert. Ganz im Zentrum der Big-Data-Welt stehe jedoch die Frage des Vertrauens. Denn wenn die Menschen dem System nicht mehr vertrauen, werden sie auch nicht mitmachen. Allerdings: »Wir müssen bedenken, dass das Datenschutzrecht nicht mehr widerspiegelt, was die Big-Data-Realität darstellt.« Vor allem müsse man sich vor Augen führen, dass das Problem nicht Big Data selbst sei, sondern die Verwechslung von Korrelation und Kausalität. »Die Daten erzählen nichts über die Ursache«, insistiert Mayer-Schönberger. »Wenn wir das versuchen, führt es zu einer Diktatur der Daten: nämlich den Daten mehr Wert und Bedeutung zuzumessen, als ihnen zusteht.« Davor biete das heutige Recht keinen Schutz: »Denn es ist ineffektiv, behindernd und blind.«
Der Ausblick von Viktor Mayer-Schönberger: »Big Data wird uns helfen, die Wirklichkeit besser zu verstehen – wie medizinische Behandlungen besser funktionieren, wie wir und unsere Kinder besser lernen, wie Autos selbst fahren können. Aber Big Data bringt auch neue Herausforderungen mit sich. Deshalb müssen wir sicherstellen, dass wir die Technologie richtig verwenden, verstehen, dass Daten ihre Grenzen haben, und uns einen Platz für das Menschliche bewahren – für Kreativität, Originalität und Irrationalität. Denn am Ende des Tages sind die Daten immer nur ein Schatten der Wirklichkeit.«

Steckbrief
Name: Dr. Viktor Mayer-Schönberger
Karriere: 1986 gründete Viktor Mayer-Schönberger die Softwarefirma Ikarus und entwickelte »Virus Utilities«. 1992 verkaufte er das Unternehmen und widmete sich der Juristik. Ab 1994 leitete er am Österr. Institut für Europäische Rechtspolitik in Salzburg das Projekt Informationsrecht. Ab 1996 war er Assistent an der Juridischen Fakultät der Uni Wien. 1999 übernahm er eine Professur an der Harvard Kennedy School. Aktuell ist er am Oxford Internet Institute tätig. Mayer-Schönberger propagiert das »Recht auf Vergessenwerden«. Derzeit beschäftigt er sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Nutzung von Big Data.
Web: www.oii.ox.ac.uk

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