Roundtable »Business Software 2014«

Wohlgefühl im Kerngeschäft

1-auf_RoundTable3-192Zum Ende eines Quartals herrscht Hochbetrieb in der Buchhaltung. Eine ideale Zeit, um die Vorteile von ERP, Enterprise Resource Planning, zu nutzen. Die Finanzen stellen da nur einen Bereich dar neben Produktion, Vertrieb, Logistik oder Instandhaltung. Heute gehört ein ERP-System zum Standard selbst in kleinen Betrieben mit dem Ziel, effizienter zu agieren. Kaum eine Organisation verzichtet gegenwärtig noch auf betriebswirtschaftliche Anwendungen, um seine Effizienz zu steigern.

Doch Unternehmen sehen sich heute in einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit mit immer neuen Technologien konfrontiert. Während sie mitten in aktuellen Trends wie der »Consumerization der IT« stecken, bahnen sich schon die nächsten Veränderungen an. Einige von ihnen sollten im ERP-Umfeld nachhaltige Spuren hinterlassen.

Steigende Komplexität. Mittlerweile erreicht die systematische Unternehmensplanung eine Komplexität, die zu ihren Anfängen undenkbar war: In den 1970er Jahren konzentrierte man sich auf die Planung von Warenströmen und sprach von MRP, Material Requirement Planning, bzw. Materialbedarfsplanung. Mit steigender Rechenleistung und sinkenden Hardwarepreisen erweiterten sich in den 1980ern die Anwendungsbereiche auf Einkauf, Produktion und Vertrieb.

In den 1990ern prägte Gartner den Begriff Enterprise Resource Planning (ERP) mit der Vision, die gesamte Wertschöpfungskette bei Herstellern in einem unternehmensweiten IT-System abzubilden. Die in Deutschland gegründete SAP wird unangefochtener Marktführer und steht heute noch als Synonym für ERP. Kontinuierlich sinkende Hardwarepreise förderten den flächendeckenden Einsatz auch in Unternehmen, die nicht dem produzierenden Gewerbe angehören. Zudem wurden verwandte Funktionen einbezogen wie CRM, SCM oder ECM: alles Akronyme mit drei Buchstaben.

»Integrierte Lösungen, die eigentlich alles aus einer Hand bieten sollen«, Michael Schober, Leiter Büro Österreich der Trovarit AG.

»Integrierte Lösungen, die eigentlich alles aus einer Hand bieten sollen«, Michael Schober, Leiter Büro Österreich der Trovarit AG.

Das Internet eröffnete schließlich völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation, die auch in ERP-Anwendungen einflossen. Gemeinsames Arbeiten über Abteilungen und das ganze Unternehmen hinweg schafften Wettbewerbsvorteile, forderten jedoch auch eine andere Kultur im gemeinsamen Umgang: Informationen und Erfahrungen zu teilen steht seither im Fokus. Der Siegeszug von Smartphones unterstützte diese Entwicklung.

Hybrides ERP. Zu Beginn des neuen Jahrtausends zielte ERP auf eine komplett vernetzte Geschäftswelt ab. Dort müssen sich Unternehmen nicht nur an Verfügbarkeit, Kosten und Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen messen, sondern auch an der Qualität verfügbarer Informationen. Das stellte Hersteller und IT-Abteilungen vor immense Herausforderungen, um Prozesse sowie Dokumente universell zugänglich zu machen.

Ende Jänner 2014 verkündeten die Auguren von Gartner schließlich den Untergang des bisherigen Konzeptes einer einzigen ERP-Suite, die allen Anforderungen eines Unternehmens gerecht wird. Alternativ präsentierte das weltweit führende IT-Forschungs- und Beratungshaus den einen Hybrid-ERP-Ansatz. Dort werden punktuelle Cloud-Lösungen mit einem hausinternen Kern an ERP-Funktionen kombiniert, die auf einzelne Fachbereiche konzentriert sind, wie Finanzen und Produktion. Innerhalb von fünf Jahren sollten Hybrid-ERP-Umgebungen zur Norm werden.

De facto unverändert. »Der Markt an sich ist de facto unverändert geblieben«, sagt Michael Schober, Leiter des Österreich-Büros der Trovarit AG. »Es ist stets das gleiche Thema: Stücklisten zum Auflisten, Materialbedarfe zur Planung. Neu hingegen ist das Ende der Einzelkämpfer und der Insellösungen sowie die Veränderung in Richtung Business Software.

»Weg von der reinen Datenverwaltung, hin zur Unterstützung der Organisation«, Markus Neumayr, Geschäftsführer der Ramsauer & Stürmer Software GmbH.

»Weg von der reinen Datenverwaltung, hin zur Unterstützung der Organisation«, Markus Neumayr, Geschäftsführer der Ramsauer & Stürmer Software GmbH.

Dort, wo man früher ERP und noch früher im deutschsprachigen Raum PPS-System dazu sagte und daran eine FIBU und eine Vertriebssoftware andockte, haben wir heute integrierte Lösungen, die eigentlich alles aus einer Hand bieten sollen«, setzt der Marktanalyst fort. »Das ist genau das, was der Kunde sucht und mit dem er seine ganzen betriebswirtschaftlichen Prozesse von vorne bis hinten abdecken will. Die betriebswirtschaftlichen Prozesse als solche haben sich seit Jahrhunderten nicht verändert: Jemand gibt Geld her und erhält eine Ware zurück.«

Integrale Wertschöpfung. »Wir sehen, dass der Kunde sich heute Gesamtlösungen wünscht, die bis in die Prozessgestaltung reichen«, sagt Markus Neumayr, Geschäftsführer des Salzburger ERP-Spezialisten Ramsauer & Stürmer: »Weg von der reinen Datenverwaltung, hin zu einer Organisationsunterstützung der Software. Die Systeme sollen auf Veränderungen proaktiv reagieren. Dass ein Fakturiersystem richtig fakturiert – davon können wir ausgehen. Viel wichtiger ist, dass die gesamte Office-Unterstützung in die Software reicht. Darin sehen wir auch den Mehrwert für ein Unternehmen. Wesentlich ist, dass sich die Organisationen mehr Gesamtunterstützung von der Software erwarten. Nur dann kommt es zu einem integralen Wertschöpfungsprozess.«

Vernachlässigte Basics. »In der betriebswirtschaftlichen Software hieß es früher: Einkauf, Lager, Verkauf und Buchhaltung müssen stimmen. Jetzt hat man zwar neue Themen, die man berücksichtigen muss, aber die alten Dinge sollten weiterhin die Basics sein«, sagt Karl Zimmermann, Geschäftsführer Mittelstand der Sage GmbH. »Manchmal ist alles andere wichtig, nur diese Basics-Funktionen werden vernachlässigt – und dann bekommt man große Augen, wenn es im Projekt nicht funktioniert.«

»Usability der Programme einfacher machen und die Komplexität der Prozesse verstecken«, Karl Zimmermann, Geschäftsführer der Sage GmbH.

»Usability der Programme einfacher machen und die Komplexität der Prozesse verstecken«, Karl Zimmermann, Geschäftsführer der Sage GmbH.

Im Rahmen der jährlichen Geschäftsindex-Studie befragt Sage seine Kunden, was für sie am wichtigsten als Mehrwert sei. Dabei wurde als erstes Neukundengewinnung genannt, als zweites Betriebskostensenkung sowie als dritter Punkt Umsatzwachstum allgemein. Die weitere Analyse ergab zudem: Unternehmen mit wirkungsvolleren Daten wachsen um 35% schneller als solche, die diese Informationen nicht haben, um entscheiden zu können. »Da kommt der Faktor Mobilität ins Spiel«, so Zimmermann, »damit Außenmitarbeiter immer sofort reagieren können. Hier gibt es immer noch ein Defizit, wo 38 Prozent der KMU sagen, sie haben die Informationen nicht zur Verfügung, wenn sie sie brauchen, und Verzögerungen von mehreren Tagen entstehen können.«

Großer Irrtum. Was sich geändert hat, weiß Dietmar Winterleitner, Director ERP bei FWI Information Technology: »ERP war früher eine Backoffice-Lösung, doch jetzt ist es unternehmensweit.« Die Anbieter würden alle versuchen, aus diesen Backoffice-Systemen unternehmensweite Lösungen zu machen – Webshops, Leitstände, MIS- und BI-Systeme, MES einzubinden. »ERP wird nun ein großer Block, und die Unternehmen gehen davon aus, dass alles in diesem Block für die eigene Kultur geeignet ist.«

»Auf einzelne Branchen konzentrieren und mit Kunden auf Augenhöhe reden«, Dietmar Winterleitner, Director ERP der FWI GmbH.

»Auf einzelne Branchen konzentrieren und mit Kunden auf Augenhöhe reden«, Dietmar Winterleitner, Director ERP der FWI GmbH.

Ein großer Irrtum, so Winterleitner weiter: »Einerseits wollen Unternehmen alles aus einer Hand, andererseits sind die Hersteller nicht Spezialisten für alles. Wenn jemand ganz spezielle Anforderungen hat, wird eine SAP nicht mitkommen. Wenn ein Kunde einen Webshop braucht, der schnell einsetzbar ist, wird eine Microsoft nicht mitkommen. Es wird weiterhin Best-of-Breed-Lösungen geben müssen. Der Anspruch Alles-aus-einer-Hand gilt einfach nicht.«

Michael Siedler, Geschäftsführer der Godesys IT GmbH, greift den Gedanken auf: »Alles aus einer Hand war früher den Großen vorbehalten, ein Kleiner konnte sich das gar nicht leisten. Heute will auch im KMU-Bereich ein jeder beim Kauf eines ERP-Systems ein integriertes CRM, ein integriertes Dokumentenmanagement, Prozesssteuerung, Supply Chain und Business Intelligence haben. Da muss man dem Kunden schon etwas bieten.« Allerdings: »Ich muss nicht alles selber herstellen, aber zumindest die Schnittstelle und das Knowhow liefern.«

»Man kann heute den Großteil der Prozesse schon automatisch erledigen«, Michael Siedler, Geschäftsführer der Godesys IT GmbH.

»Man kann heute den Großteil der Prozesse schon automatisch erledigen«, Michael Siedler, Geschäftsführer der Godesys IT GmbH.

Entscheidend sei: »Die Kundenprozesse sollen unterstützt werden.« Der Kunde soll sich verlassen können, dass es Standardprozesse gibt, auf die er setzen kann. Auch wenn individuelle Anforderungen weiterhin zu 80% über Customizing gelöst werden.

Platz für jeden. Oliver Krizek, CEO der Navax-Gruppe, sieht den ERP-Markt in mehreren Dimensionen: »Ob globaler, lokaler oder multinationaler Software-Anbieter – jeder hat seinen Platz. Es gibt heute kein schlechtes Paket in dem Sinne. Die Buchungen kommen durch, die Rechnungen werden gedruckt, jeder hat eine Office-Anbindung und dies und jenes. Dabei hat es der Käufer unheimlich schwer zu entscheiden, welches Produkt er nehmen soll.«

»ERP bringt die Schwachstellen in einem Unternehmen an den Tag«, Oliver Krizek, CEO der Navax-Gruppe.

»ERP bringt die Schwachstellen in einem Unternehmen an den Tag«, Oliver Krizek, CEO der Navax-Gruppe.

Dabei spart Krizek nicht mit Kritik an der ERP-Industrie: »Alles wird immer so locker verkauft«, echauffiert er sich, »aber in Wahrheit geht es um die Unternehmensprozesse. Die Programmierung ist ganz einfach, aber die Realität schaut anders aus. Wir bilden bloß die realen Prozesse IT-technisch ab und sind klassische Blue-Collar-Worker. Wir nehmen die Tools der Hersteller und implementieren das dann bestmöglich.«

Dabei müsse man sich immer die Frage stellen, inwieweit es überhaupt Sinn mache, eine Software für alle Bereiche einzusetzen: »Wenn eine Abteilung getrennt für sich arbeiten muss, wird sie nie in ein homogenes System passen«, so Krizek. »Hier werden viele Beratungsfehler gemacht. Man muss sich in den Kunden denken und keine Luftschlösser verkaufen. Beratung ist heute viel wichtiger als noch vor ein paar Jahren.«

»Technologie kann einen Teil beitragen. Aber letztlich geht es um das Gehirnschmalz der Menschen«, Anton Leitner, CIO der NÖM AG.

»Technologie kann einen Teil beitragen. Aber letztlich geht es um das Gehirnschmalz der Menschen«, Anton Leitner, CIO der NÖM AG.

Markus Neumayr von Ramsauer & Stürmer ergänzt: »Als Hersteller müssen wir das Umfeld beim Kunden genau deklarieren, wer überhaupt fähig ist, so eine Gesamtlösung in einem Betrieb einzusetzen. Da stimme ich zu, dass viel Schindluder betrieben wird. Denn im Grunde wird Funktionalität schmackhaft gemacht, aber nur wenige können so viel Funktionalität überhaupt stemmen.«

»Diese Prozessberatung von Anbieterseite ist immer wichtiger«, weiß auch FWI-Direktor Dietmar Winterleitner. »Oft versuchen Unternehmen, geänderte Prozesse auf Basis des alten Systems wiederherzu- stellen. Das geht aber nicht. Es kann nicht sein, dass ein EDV-Leiter, der von Organisation und Prozessen weniger Ahnung hat, ein Projekt in Millionenhöhe durchführt und dabei die Prozesse nicht kennt. Das ist ein Spagat, den man erst schaffen muss.«

Navax-Chef Krizek insistiert: »Die ERP-Branche verkauft sich grottenschlecht. Denn mit unserem Wissen könnten wir jeden Kunden auflaufen lassen. Wir sehen viel mehr von einem Unternehmen als je der Finanz- und Wirtschaftsprüfer, als jeder interne Organisator.«

Dramatische Veränderung. Anton Leitner, seit dem Jahr 2006 CIO der NÖM AG, hat die Kunst des Spagats am eigenen Leib nachvollzogen. Er war selbst viele Jahre auf der Dienstleister-Seite zu Hause: »Mit dem Knowhow, das ich als Implementierer in den 90er Jahren noch hatte, könnte ich heute in meiner IT-Abteilung gar nicht mehr arbeiten«, sagt er. »Die Komplexität betreffend Prozesse, Knowhow, Customizing und ERP-Einführung ist dramatisch gestiegen.«

Leitner kennt beide Seiten rund um SAP: »Damals eine neue Funktion zu implementieren ging einfach. Der Kunde war froh, dass er überhaupt eine Lösung hatte und nahm dafür vieles in Kauf. Wenn heute ein Implementierer kommt, so trifft er bei uns auf ein enormes internes Knowhow – da hat sich viel verändert.«

Tiefe Integration. 2006 fiel bei der NÖM die Entscheidung für SAP. »Der Wechsel war ziemlich schmerzhaft, weil die IT-Landschaft als Fleckenteppich sehr ausgebreitet war«, erinnert sich Leitner. »Jetzt kann ich es mir anders gar nicht vorstellen. Alles ist so stark integriert, reicht so tief in die Produktionsprozesse hinein, dass ein Austausch ohne einen Stillstand von zwei Wochen gar nicht möglich wäre. Wir sind quasi verhaftet. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen damit leben.«

Apropos »Alles aus einer Hand«: »Wenn ich mir ein Auto kaufe, bin ich selber für die Entscheidung verantwortlich. So ist es auch bei Business Software. Das ist auch meine Kompetenz als CIO. Schließlich muss ich das betreiben, die Prozesse verstehen und kann nicht die Verantwortung außer Haus geben.«

Als Leitner zur NÖM kam und die zahlreichen unterschiedlichen Systeme sah, gab er einen starken Zentralisierungsansatz vor. »Jetzt bin ich wieder soweit, nach Verstand zu sagen: das macht Sinn und das nicht.«

Change & Governance. Eines gilt für den NÖM-CIO jedoch unumstößlich: »Der Mensch hinter dem Prozess und seine Bedürfnisse werden bei den Einführungsprozessen immer noch zu wenig berücksichtigt. Dabei ist das Change Management der Schlüsselfaktor, der beim Erfolg immer über der Technologie steht.«

Was sich für Anton Leitner am heftigsten verändert hat, ist der Governance-Faktor. »In den letzten fünf Jahren hat sich in Prozessen nicht so viel geändert wie bei den Anforderungen und den Regulatorien. Nachweise und Dokumentationspflicht fließen zunehmend in das ERP ein. Dabei dreht sich das Rad immer schneller und wird auch immer kritischer. Damit zusammenhängend gewinnt die Integration bis hin zur Prozessanlage auch im Mittelstand immer stärker an Bedeutung.«

Karl Zimmermann von Sage relativiert: »Integration ist dort wichtig, wo es Sinn macht. Man muss nicht zwangsweise integrieren und alles aus einer Hand beziehen. Wenn ich in einem Bereich besonders stark sein will, dann rechnet sich auch eine Zusatzinvestition oder eine Spezialprogrammierung voll.«

Usability. Für Sage liege deshalb das Hauptaugenmerk darauf, »dass man die Usability des Programms für die Benutzer einfacher macht, die vorhandene Komplexität in den Prozessen vor dem Benutzer versteckt, sodass er nur wenig Eingaben machen muss und Fehler vermeidet.«

Gleichzeitig gelte es, die Flexibilität weiter zu unterstützen, damit der Kunde möglichst viele Dinge – auch Workflow-Veränderungen – selbst durchführen könne und keinen Berater dazu benötige.

Wie im Drachenboot. Trovarit-Berater Michael Schober hakt bei den Nachlässigkeiten ein: »Ein Problem ist, dass die ERP-Branche Tools anpreist, aber die Organisationen nicht in die richtige Richtung beschleunigen. Das Thema ist, die ganze Organisation einmal in Schwung zu bringen – wie ein Drachenboot, wo alle in die gleiche Richtung paddeln. Das beginnt dabei, einen ordentlichen Auswahlprozess zu gestalten, die eigenen Prozesse zu überdenken und zu überlegen, wie weit Prozesse ausgelagert werden können – Amazon ist schließlich auch nur ein ehemaliger Buchhändler, der die Arbeit der Auftragserfassung an den Konsumenten delegiert hat.«

Das »beste« System. Die Crux jedoch: »Nach der Einführung sind alle so glücklich, dass das System läuft, dass sie es nie wieder angreifen möchten. Doch schon bald taucht auf: Das geht nicht und dieses auch nicht … In diesem Moment wird das beste ERP-System überhaupt entdeckt – nämlich jenes, das gerade abgelöst wurde. Und es wird versucht, das momentan schlechteste ERP-System dort wieder hinzubekommen, was ›das Beste‹ die letzten 20 Jahre gekonnt hat.«

Hier beginnt dann das Thema der internen Wartung eines ERP-Systems zu brodeln – so wie die regelmäßige Instandhaltung eines Autos. Für Navax-Chef Oliver Krizek offenbart sich an dieser Stelle ein wesentlicher Punkt: »ERP bringt die Schwachstellen von Unternehmen an den Tag. Ich bin immer schockiert, wie wenig manche Geschäftsführer eigentlich ihr eigenes Unternehmen kennen. Wenn man nicht einmal weiß, wo der USP am Markt ist, dann läuft irgendetwas verkehrt in der Firma. Aber gerade in diesem Bereich sollte eine Softwarelösung unterstützen.«

Branchen & Prozesse. »Es gibt keinen ERP-Implementierer, der sich überall wichtig machen kann«, wirft Dietmar Winterleitner von FWI ein: »Man muss sich auf einzelne Branchen konzentrieren und hier mit dem Kunden auf Augenhöhe reden können. Sparring-Partner zu sein schließt auch Branchenexpertise ein.«

Godesys-Geschäftsführer Michael Siedler ergänzt: »Man begibt sich auf Glatteis, wenn man beginnt, dem Kunden erklären zu wollen, wie er seine Prozesse angehen soll. Man kann ihm nur sagen, wie er seine Prozesse in einem ERP am besten umsetzt. Wenn er gute Prozesse hat, wird er erfolgreich sein – wenn nicht, wird es das ERP-System auch nicht schaffen.«

Markus Neumayr von Ramsauer & Stürmer sieht eine zentrale Aufgabe und Anforderung der Kunden darin, sie bei den Prozessen zu beraten und vorzustrukturieren. »Das ist eine der wesentlichen Aufgaben im ERP-Bereich. Der Kunde erwartet sich von uns Informationen, wie und wo welche Auswirkungen und Änderungen kommen oder wo er aufpassen muss.«

Das Entscheidende ist: Eine Software tut von selbst gar nichts – egal wie gut sie ist oder von welchem Hersteller sie stammt. »Eine Software kann nur ein begleitendes Instrumentarium sein, um einen Prozess zu gestalten, den der Kunde braucht«, so Neumayr. »Es sind oft ganz einfache Dinge. Wenn wir hier keine Empfehlungen abgeben, scheitert das Projekt schon in der Einführung.«

Wohin die Reise geht. Wohin geht nun die Reise in der ERP-Welt? Oliver Krizek von Navax bleibt grundsätzlich: »Aus dem IT-lastigen Bereich geht es in den Beratungsbereich. Es wird viel mehr verlangt an Branchen-, Organisations- und Produktwissen und Unternehmensabläufen. Der Anforderungsfaktor ist ein Vielfaches höher als je zuvor.«

Für Michael Siedler von Godesys ist die zukünftige »Tour d’ERP« eine individuelle Zeitlinie: »Was tut der Einzelne mit dem ERP? Der eine erfasst die Bestellungen, damit der andere den Auftrag erfasst … Der wesentliche Punkt – und da arbeiten wir auch schon 20 Jahre daran – ist die unternehmensübergreifende Vernetzung. In Wirklichkeit kann man heute einen Großteil der Prozesse schon automatisch erledigen – der Bestellvorgang meldet dem Regal seinen Bestand, eine Bestellung wird generiert, es kommt eine Auftragsbestätigung heraus, es geht bloß noch in die Kommissionierung und wird ausgeliefert – dazwischen brauchen keine Menschen mehr im ERP-System arbeiten. Nur im Ausnahme- und Fehlerfall muss jemand eingreifen. Genau dorthin geht die Reise.«

Dilemma Komplexität. NÖM-CIO Anton Leitner sieht sich dem Dilemma der Reduktion der Komplexität gegenüber, »wo ich wenig Phantasie habe, wie das weiter gehen wird«. Der Weg dahin sei aber unausweichlich. Leitner: »Die Softwaretechnologie kann einen Teil dazu beitragen, aber letztlich geht es um das Gehirnschmalz der Menschen.«

Sage-Chef Kurt Zimmermann knüpft an: »Deswegen müssen wir als Hersteller versuchen, es von der Bedienung her noch einfacher zu machen. Der Markt und die Kunden erwarten von uns, dass wir das verbessern können, dass dadurch die Einführung schneller wird, dass wir auch mehr aus einer Hand bieten und versuchen mehr abzudecken. Aber man darf nicht glauben, dass ein ERP-Hersteller ein MES-System genauso gut machen kann. Wir können nicht in allen Bereichen gleich gut sein.«

FWI-Experte Dietmar Winterleitner legt seine Perspektive dar: »Ihr Hersteller macht es zwar immer einfacher, aber die Komplexität steigt eigentlich viel schneller. Auch die Anforderungen der Unternehmen werden immer mehr. Die einzige Forderung an ERP-Anbieter kann sein, durch Integrationen aus dieser Komplexität etwas rauszunehmen, damit Unternehmen flexibler werden können.«

Einfach, funktionell, individuell. »Was bedeutet denn eigentlich einfach?«, fragt Michael Schober. »Die nächste Generation erwartet sich eine weitere ›Apple-ifizierung‹. Dabei kommt auf uns als Menschheit noch genug Schwachsinn zu, den wir in Systemen abbilden sollen.«

Anton Leitner seufzt: »Wir ruinieren uns mit der Komplexität eigentlich selbst. Seid ihr Anbieter euch eigentlich bewusst, dass ihr mit neuen Funktionalitäten die Komplexität weiter unterstützt?«

Markus Neumayr von Ramsauer & Stürmer sucht den Konsens: »Grundsätzlich ist wichtig, dass die ERP- und Prozesslandschaft in den Unternehmen verbessert wird und zusammenspielen muss. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass wir in Österreich mit einer heterogenen Unternehmenslandschaft aus Klein- und Mittelbetrieben sitzen. Diese kleinen Betriebe sind heute erfolgreich, weil sie eine bestimmte Individualität abbilden. Wenn wir sagen, alle Systeme sind heute vereinheitlicht, so sind sie auch in der Infrastruktur nach außen vereinheitlicht. Viele wollen gar nicht diese Standardisierung nach außen. Natürlich wollen sie Prozessketten nutzen können, die ihnen gewisse Arbeiten erleichtern – aber wirklich alles über einen Kamm zu scheren, will niemand.«

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