Systeme & Evolution

Sticky: Software am Wendepunkt

Der deutsche Unternehmensberater, Change Manager und Buchautor Dr. Georg Kraus ist dafür bekannt, dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt: »Die Software-Industrie kommt erst allmählich in die reife Entwicklungsphase, in der die klassischen Industriezweige sich schon lange befinden«, so Kraus. Dasselbe gelte auch für ihre Märkte. Sie weisen nicht mehr die hohen Wachstumsraten der »Gründerjahre« auf. »Der Markt wird zu einem Käufermarkt«, sagt Kraus. »Den Verkäufern stehen zunehmend selbstbewusste Kunden gegenüber, die sich ihrer Wahlmöglichkeiten bewusst sind und klipp und klar sagen, was sie wollen.«

Neue Bedingungen. Diese veränderte Marktsituation hat Konsequenzen: »Die Software-Unternehmen müssen ihr Management professionalisieren.« Anforderungen, die für die Software-Industrie zum Teil neu seien, für die meisten anderen Industriezweige hingegen nicht, führt Kraus weiter aus. Die Automobilindustrie habe die Standardisierung in der Produktion seit Henry Ford fest im Griff. Die Pharma-Industrie setze längst auf Cluster und Kooperation mit Mitbewerbern in Entwicklung und Marktbearbeitung. Für die Elektro- wie auch die Textilbranche sei die Auslagerung der Produktion und Entwicklung in Billiglohnländer überhaupt eine Existenzbedingung.

»Software-Industrie kommt erst allmählich in Reifephase«, Georg Kraus, Experte für Change Management.

Georg Kraus: »Die meisten Managementthemen, die zurzeit in der Softwarebranche heiß diskutiert werden, sind in den Unternehmen, deren Märkte schon lange gesättigt sind, bereits abgehakt und die Lösungsansätze ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie.« Deshalb würden die Marktveränderungen auch nicht das Ende der europäischen Software-Industrie bedeuten, so Kraus: »Sie muss sich nur den neuen Herausforderungen stellen – und eventuell von anderen Branchen lernen.«

Business-Index. Interessante Einblicke ergeben sich aus der Situation der österreichischen KMUs. Die Sage-Gruppe erhebt regelmäßig unter ihren weltweiten Kunden die aktuelle wirtschaftliche Lage und die Zukunftsaussichten. In Österreich haben beim aktuell vorliegenden Business-Index Entscheider aus 332 Unternehmen quer durch alle Branchen teilgenommen. Demnach waren die bedeutsamsten wirtschaftlichen Herausforderungen der letzten sechs Monate für heimische Unternehmer die gestiegenen Kosten für Energie, Treibstoff und Rohmaterialien, das Umsatzniveau der Vergangenheit zu halten bzw. auszubauen sowie Neukunden zu gewinnen und neue Märkte zu adressieren.

Für die nächsten sechs Monate erwarten die österreichischen Betriebe die gleichen Themen, nur in anderer Rangreihung: Dem Halten des Umsatzes mit 46% folgt die Neukundengewinnung bzw. der Ausbau neuer Märkte (45%), während an dritter Stelle mit 42% nun die Kostensteigerung bei Energie, Treibstoff und Rohmaterialien steht.

»Unterstützen Kunden auf dem Weg in neue Märkte«, Christian Büll, Geschäftsführer bei Sage Österreich.

Daraus resultieren die Investitionsvorhaben: Fast die Hälfte der befragten Unternehmen wollen in naher Zukunft in Vertrieb und Marketing investieren (46%); gefolgt von Plänen, neue Märkte zu adressieren (39%) und neue und innovative Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen (37%).

Christian Büll, Geschäftsführer des Sage-Bereichs Mittelstand, sieht sich in seiner Einschätzung bestätigt: »Vor allem die Ergebnisse bezüglich der Investitionsvorhaben bei den KMUs freuen mich. Da wir mit unseren Lösungen genau diese Themen ansprechen und unseren Kunden wertvolle Werkzeuge in die Hände geben, um sie damit auf ihrem Weg in neue Märkte zu unterstützen.«

PAC-Anwenderstudie. Die Marktanalysten von Pierre Audoin Consultants (PAC) haben im Rahmen ihrer jährlichen Befragung von IT-Entscheidern aktuelle IT-Herausforderungen, Investitionsschwerpunkte sowie Trends beim Software-Einsatz untersucht. Die Analyse basiert auf einer Befragung, die PAC unter mehr als 300 IT-Entscheidern aus Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt hat. Die zentralen Ergebnisse für den Bereich Software hat PAC nun im Rahmen seines »Software Research Program« für die DACH-Region veröffentlicht. Die Ergebnisse unterstreichen: Investitionen in ERP, CRM und BI führen die Liste der Softwarevorhaben an; beim Bezug von Software-as-a-Service-Lösungen agieren die Unternehmen zurückhaltend.

Geplante Investitionen. PAC befragte die Teilnehmer der Studie, inwiefern sie im laufenden oder kommenden Jahr Investitionen in verschiedene Software-Lösungen planen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass Investitionsvorhaben in ERP-Systeme besonders weit verbreitet sind. Innovationsdruck, intensivierter Wettbewerb, die verstärkte Einbindung in internationale Märkte sowie der Bedarf nach Automatisierung von Abläufen gerade in mittelständischen Unternehmen lassen die Bedeutung integrierter Geschäftsprozesse und somit die Nachfrage nach ERP-Systemen rasant steigen. Zugleich adressieren ERP-Anbieter mit ihren Lösungen verstärkt den Mittelstand und bilden mit ihren spezifischen Lösungen die Basis für Investitionsprojekte.

Auch Investitionen in BI-Lösungen stehen derzeit relativ häufig auf der CIO-Agenda. Sie betreffen nicht nur die Neuimplementierung, sondern vor allem auch die Integration von BI- mit bestehenden ERP- und CRM-Systemen, um die Potenziale von BI, aber auch der anderen Software-Systeme umfassend ausschöpfen zu können.

»Cloud-Anbieter und Entscheidungsträger müssen geeigneten Rahmen schaffen«, Katrin Schleife, Senior Analyst bei PAC.

»Der anhand der Umfrageergebnisse erkennbare, relativ hohe Anteil an Unternehmen, die BI-Investitionen erst für das kommende Jahr planen, ist jedoch ein Zeichen dafür, dass das Thema für viele Unternehmen noch recht neu und der Entscheidungs- bzw. Auswahlprozess für eine BI-Lösung noch nicht abgeschlossen ist«, erläutert Frank Niemann, Principal Consultant für Software Markets bei PAC. »Ferner könnte dies darin begründet sein, dass die Firmen ERP-Einführungsprojekten zunächst größere Aufmerksamkeit schenken.«

Zurückhaltung bei SaaS. Wie die PAC-Studie zeigt, beziehen die IT-Anwenderunternehmen ihre Software-Lösungen eher im klassischen Lizenzmodell und nur selten als Software-as-a-Service (SaaS). Dabei entwickelt sich der Cloud-Lösungsmarkt derzeit in hohem Tempo: Klassische Softwarehersteller bieten ihre Lösungen vermehrt auch über die Cloud an und neue Player betreten den Markt, die einzig auf das Angebot Cloud-basierter Software setzen.

Offenbar überwiegt bei vielen CIOs die Skepsis gegenüber Cloud-Lösungen. Zwar sind viele Vorteile des Cloud-Konzepts unbestritten, gleichzeitig aber auch zahlreiche – vor allem juristische – Fragen noch unzureichend geklärt, vor allem dann, wenn sich die Rechenzentren der Anbieter in Ländern außerhalb Europas befinden. Gerade im Hinblick auf Datenschutz, Standardisierung, Sicherheit und Verfügbarkeit der Lösungen bestehen seitens der Anwender große Unsicherheiten.

PAC-Analystin Dr. Katrin Schleife, Senior Analyst für Retail & Cloud Computing, schließt: »Hier sind auf der einen Seite die Cloud-Anbieter, auf der anderen Seite aber auch die politischen und rechtlichen Entscheidungsträger gefragt, die anstehenden Fragen zu beantworten und einen geeigneten vertraglichen und rechtlichen Rahmen zu schaffen.«

Intuitive Software. Eine weltweit durchgeführte Umfrage von IDC im Auftrag des ERP-Anbieters IFS wiederum zeigt, dass weniger als ein Drittel der Unternehmen der Auffassung sind, ihre Enterprise-Anwendungen seien einfach und intuitiv zu bedienen. Die Studie untersuchte die Rolle von Benutzerfreundlichkeit und Flexibilität in diesen Applikationen bei Unternehmen in den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Benelux, Skandinavien und Indien.

»Für Produktivität sind Anwenderfreundlichkeit und Flexibilität entscheidend«, Dan Matthews, CTO bei IFS.

Die Weltwirtschaft ist heute komplexer und enger verflochten als je zuvor, die Unternehmen sind ständig mit neuen Herausforderungen hinsichtlich Produktivität und Flexibilität konfrontiert. Es gibt daher eine wachsende Nachfrage nach Enterprise-Anwendungen, die intuitiv und einfach zu bedienen sind.

Die Umfrage zeigt, dass ERP-Anbieter ihre Software verbessern müssen, um diesen Anforderungen zu entsprechen, erklärt Dan Matthews, CTO von IFS in Linköping, Schweden: »Die Studie beweist, was wir bei IFS seit vielen Jahren vertreten: Für die Produktivität sind Anwenderfreundlichkeit und Flexibilität von entscheidender Bedeutung. IFS wird daher weiterhin den Fokus auf Usability und User Experience legen, denn diese Bereiche sind für die weitere Entwicklung von zentraler Bedeutung.«

Der Schrecken der Umfrage: Obwohl 60% der Unternehmen Usability als wichtiges Kriterium beim Kauf eines neuen Systems ansahen, betreibt weniger als ein Drittel (29%) aller Befragten intuitive und benutzerfreundliche ERP-Anwendungen. Im Vergleich dazu gaben in der im Jahr 2008 durchgeführten IFS-Studie zum gleichen Thema 64% an, dass Usability ein wichtiger Aspekt sei und 42% hielten damals ihre Systeme für einfach bedienbar. Dies deutet darauf hin, so das IFS-Resümee, dass die Erwartungen hinsichtlich der Bedienung von ERP-Systemen mit dem allgemeinen Trend der »Consumerization« von Software und Smartphones gestiegen sind. Eine Entwicklung, die letztlich Usability als Kriterium für die Evaluierung neuer Systeme hervorhebt und zum entscheidenden Faktor für Investitionen werden lässt.

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