DSAG-Jahreskongress

Quantensprung – Schritt für Schritt

Es war eine unwirkliche Situation am ersten Tag des DSAG-Jahreskongresses. Auf der Bühne stand der DSAG-Chef Professor Karls Liebstückel an seinem vorletzten Arbeitstag und Co-CEO Jim Hagemann Snabe mit der Botschaft der Mikro-Schritte. Karl Liebstückel informierte im Vorfeld des Kongresses, dass er aufgrund von Arbeitsüberlastung in Zukunft auf einen Platz im DSAG-Vorstand verzichten wird. Somit bekam das DSAG-Motto »Zurück in die Zukunft« eine doppelte Bedeutung.

Vielleicht waren die ERP-Systeme in der Vergangenheit wirklich besser und Mobile-, Cloud- und In-memory-Computing sind nur eine kurzweilige Erscheinung. Das Jahr 2012 stand bis zum DSAG-Jahreskongress im Zeichen von HANA: Angefangen hat der In-memory-Computing-Wirbel auf der CeBIT in Hannover, dann gab es eine Veranstaltung in Düsseldorf (IMCC), in Potsdam am HPI (Hasso Plattner Institut) und eine Woche vor dem DSAG-Kongress noch ein MaxAttention/Hana-Council in Walldorf. Dort war die Welt noch in Ordnung. SAP-Aufsichtsratsvorsitzender Professor Hasso Plattner, Jim Snabe und SAP CTO Vishal Sikka philosophierten über das hervorragende HANA.

Bremen im September. Co-CEO Jim Hagemann Snabe steht auf der Bühne, vor ihm etwa 3.000 Bestandskunden, Partner und SAP-Mitarbeiter. Im Herzen der deutschsprachigen SAP-Community hielt er eine DSAG-Keynote zum Thema »Quantensprung. Schritt für Schritt der Zukunft den Weg bereiten«.

Das war eine Überraschung. Allgemein wurde davon ausgegangen, dass Snabe gemäß dem DSAG-Motto »ERP im Mittelpunkt integrierter Systeme« eine Geschichte von HANA erzählt. Aber Snabe, der dänische Zauberkünstler, überrascht mit einem Quantensprung – einem nächsten, kleinen Schritt. Aus den Tiefen seines Zauberhuts kommt kein HANA, keine Kaninchen und Tauben, kein SOA und kein SAP Solution Manager. Snabe ruft: »Konsolidiert euch!« Auf der Leinwand steht in großen Buchstaben, dass der nächste Schritt die Konsolidierung der Anwendungen sei. Übersetzt in die IT-Sprache der SAP-Basis: »Leute räumt endlich eure Rechenzentren auf, macht eure Hausaufgaben, konsolidiert das IT-Chaos, in das euch die SAP manövriert hat.«

Klare Botschaft. Aber Jim Snabe hat für seine Zuhörer noch einen kleinen Schritt: »Bildet Netzwerke« steht auf der Leinwand. Der Zauberhut bleibt leer – eine Metapher! Doch die Botschaft ist glasklar: Liebe Kunden und Partner, erwartet keine Hilfe aus Walldorf, bildet eigene Netzwerke und helft euch gegenseitig.
Und Snabe hat einen dritten, kleinen Schritt: SAP HANA einsetzen – aber erst, wenn im Rechenzentrum aufgeräumt und die Nachbarschaftshilfe organisiert ist. Also war im Walldorfschen Zauberhut noch ein HANA-Server versteckt.

Enttäuschte Besucher. Was die DSAG-Kongressbesucher enttäuschte: Im Zauberhut des Jim Snabe war keine ERP-Integration, keine einheitliche Benutzeroberfläche, kein flexibles Lizenzmodell, kein neues Supportkonzept. Kerngeschäftsprozesse werden heute in Unternehmen ganzheitlich betrachtet. Dieser Tatsache soll die SAP Business Suite mit den verschiedenen Komponenten wie ERP, CRM, SCM, SRM und PLM gerecht werden. Die Herausforderung besteht darin, dass es teilweise Medienbrüche zwischen den einzelnen Lösungen und aufwändige Schnittstellen gibt. Aus Anwendersicht ist es dringend nötig, die End-to-End-Prozesse zu vereinfachen. Ein erster Ansatzpunkt wäre die Rückführung von Funktionen der SAP Business Suite nach SAP ERP. Daran arbeiten DSAG und SAP derzeit gemeinsam. Ein weiteres Problem besteht in unterschiedlichen Benutzeroberflächen bei den einzelnen Komponenten. Auch hier ist eine Vereinheitlichung dringend gefordert.

Finger auf der Wunde. Die DSAG hat mit dem Thema »ERP im Mittelpunkt integrierter Systeme« richtigerweise den Finger auf die Wunde »ERP-Integration« gelegt, aber Integration kann nie rückwärtsgewandt funktionieren, sondern muss zukunftsorientiert sein. Viele Kongressteilnehmer diskutierten den richtigen Ansatz, aber die falschen Schritte der SAP und des DSAG-Vorstands: Ja, oberste Aufgabe ist es, das Ganze im Auge zu behalten. Konsolidierung und Integration sind das tägliche Brot der CIOs, CCoE- und IT-Leiter.

»Top-Themen für SAP-Anwender weiter vorantreiben«, Marco Lenck, neuer Vorstandsvorsitzender der DSAG.

Die DSAG darf aber nicht in das Lamento verfallen: Früher war alles besser – zurück in die Zukunft! Die ERP-Verantwortlichen müssen die neuen Herausforderungen Mobile-, Cloud- und In-memory-Computing annehmen. Die Business Suite 7 muss und wird sich weiterentwickeln. CTO Vishal Sikka wird in ABAP auf Basis von HANA programmieren, damit die Doktrin von Professor Hasso Plattner bezüglich Old und New Economy seine Richtigkeit behält.

Ein paar Wochen vor der DSAG-Veranstaltung fand eine Jubiläumsfeier der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut an der Universität Potsdam statt. Den Unterschied zwischen Old und New Economy erklärte dort Professor Plattner an den Firmen Microsoft und IBM auf der einen und Facebook und Google auf der anderen Seite.
Der Potsdamer Professor brachte es pointiert zum Ausdruck, indem er meinte, dass Mark Zuckerberg programmieren könnte und Steve Ballmer eben nicht. Wenn SAP-Vorstand Gerd Oswald aller Wahrscheinlichkeit Mitte 2014 ausscheidet, steht es schlecht um das ABAP-Wissen in der obersten Führungsetage in Walldorf.

SAP-CTO Vishal Sikka könnte zum ABAP-Guru werden, denn sein Vorstandkollege Lars Dalgaard hat in der Wolke wahrscheinlich noch nie diese vier Buchstaben vernommen (Dalgaard ist im SAP-Vorstand für Cloud Computing inklusive Business By Design verantwortlich).

Wo der Schuh drückt. Am zweiten Tag des Jahreskongresses hielt traditionell Gerd Oswald seine Keynote. Er bezog sich konkret auf die Sorgen und Wünsche der Anwesenden. Unter anderem verantwortlich für den SAP-Support weiß Oswald immer sehr genau, wo der Schuh drückt.

Ein Anliegen der DSAG zielte darauf ab, dass SAP konkrete Rahmenbedingungen für die Implementierung, die Einführung und den Betrieb schafft, damit neue SAP-Lösungen bzw. Innovationen von einer breiten Masse von Anwendern schneller umgesetzt und genutzt werden können.

Denn nur so können möglichst viele Nutzer vom Mehrwert profitieren. Dazu sind etwa Landschaftsempfehlungen notwendig, wie sich innovative Produkte am besten einführen lassen oder aber geeignete Konzepte oder Angebote, um neue Lösungen in bestehende Gesamtsysteme zu integrieren. Als aktuelle Beispiele können diesbezüglich SAP HANA oder mobile Lösungen genannt werden. Neue Produkte müssen in den Punkten Nutzen, Mehrwert und Betrieb überzeugen. Idealweise muss vor der Entwicklung neuer Produkte über die Auswirkungen auf Landschaften und die daraus entstehende Komplexität nachgedacht werden.

Neuer DSAG-Vorsitzender. Seite dem Jahreskongress in Bremen ist Marco Lenck, Vice President IT bei der Rhein-Chemie Rheinau GmbH, neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG) e. V. Er wurde einstimmig mit einer Enthaltung als Nachfolger von Prof. Dr. Karl Liebstückel gewählt, der das Amt nach fünf Jahren aus beruflichen Gründen abgegeben hat. Lenck zu seiner Wahl: »Ich stehe bei der DSAG für Kontinuität. Mir liegt sehr daran, die gezielte fachliche Arbeit in den einzelnen Ressorts mit allen Beteiligten in hoher Intensität fortzuführen und so die Top-Themen für SAP-Anwender weiter voranzutreiben.«
Peter Färbinger

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