Speed & Speicher

Griechische Verhältnisse?

von Thomas Broessler

Mehr Speicher und Gigahertz, als wir je verdient haben. Das führt zur Gewöhnung an scheinbaren Komfort. Aber im Überfluss vergessen wir die Basics: Man braucht nicht viel, wenn man die Hausaufgaben macht.
Thomas Broessler, CIO-Berater und Change Manager

Thomas Broessler, CIO-Berater und Change Manager

Die Philosophie: Kaufen Sie jetzt schon Terabyte, auch wenn Sie die nicht brauchen. – Ich habe es getan und mir so eine schnuckelige Platte für das Heimnetz gekauft. Ein Ort für alle Fotos, Videos und endlich ein Ort für die Datensicherungen der Gerätschaften aller meiner Lieben. Und weil noch so ein Bittorrent-Client drauf ist, saugt sich die beste aller Töchter nächtens alle Folgen der grauenvollen Anatomie oder auch mal Dr. Graus hinunter. Das ist eine der vielen amerikanische Krankenhausserie mit einer atemberaubenden Folge von sexuellen und pathologischen Höhepunkten. Die Seher zweifeln an ihren medizinischen Kenntnissen oder auch an der durchschnittlich beglückenden Oberweite.

Schon interessant, dass 40% des Internet-Traffics aus solchen und anderen kulturellen Höchstleistungen besteht. Einzelne Internet-Provider beginnen schon diese Art von (Daten-) Verkehr einzubremsen. Wohl um eigene einschlägige Ware und Services feilbieten zu können. Uns macht das aber nichts, wir saugen ja nur in der Nacht und da kann es ruhig lange dauern.

Voll des Grauens. In Nullkommanix waren die Platten mit unbesehenem Filmmaterial überfüllt. Ich sah meine Hoffnung, das Datensicherungsproblem aller Familienmitglieder elegant zu lösen, dahinschwinden. Die Kids haben alle den Europäischen Computerführerschein gemacht. Sie kannten NOR-Gatter und die Turing-Maschine. Backup war jedoch ein Fremdwort und löste Blicke von Hilflosigkeit aus. In einem IT-pädagogischen Anfall klärte ich auf und gab jedem seinen eigenen Plattenplatz, gut über WLAN erreichbar.

Die Freunde der US-Serien waren begeistert und sicherten wild drauf los. Eine Woche später wurde nach mehr Speicher geschrien. Ich traute meinen Augen nicht: mehr gesicherte als originale Daten. Mit dem Namen: Alt, Ganz_alt, uralt3, wichtig, wichtig_b, nicht_löschen, geheim, streng_geheim. Dieses mehrfach gespeicherte Kuddelmuddel ließ sich händisch nicht mehr entwirren. Also auf zum nächsten Diskonter. Mittlerweile waren die Preise wieder gesunken und wir konnten wieder wild drauf los sichern und saugen. So macht es echt Spaß.

Speed kills Qualität. Bei der Rechnerleistung scheint es ähnlich. Die Lösung ist aber teurer: Kaufen Sie jetzt schon den Prozessor Quattroplex mit toller Fuzzy Channel Technologie!

Irgendwann kommt die persönliche Prozessorhierarchie völlig durcheinander. Seit die Megahertzen kein eindeutiges Indiz mehr für Geschwindigkeit sind, habe ich aufgegeben zu verstehen, worin der Unterschied zwischen den Modellen liegt. Es ist wie beim Handykauf. Jede Überlegung ist Zeitverschwendung. Das Rote gefällt mir und leisten kann ich es mir auch. Bitte einpacken und anmelden. Beim PC ist doch die Geschwindigkeit nur von Vorteil, wenn man die Startzeit verkürzen möchte. Sonst ist es doch, ganz ehrlich, Blutwurst.

Upgrade oder was? So dachte ich immer. Leider musste ich feststellen, dass meine Kiste immer langsamer wurde, ja mit der Zeit sogar manchmal in senilen Sekundenschlaf verfiel. Da keimt der Verdacht auf, dass mit der höheren Prozessorgeschwindigkeit nur das Husten der zusammengekauften und mäßig integrierten Software verdeckt werden soll. Tolle Hardware und mäßige Software halten das Gleichgewicht des Schreckens in diesem Großversuch an der zivilisierten Menschheit.

Tödlicher noch als Handystrahlung und Mikrowellen-Herde. Die Lösung: Immer wieder upgraden und neu aufsetzen. Meine Kids lachen mich schon aus. Ohne Taschengeldeinsatz installieren sie Ubuntu.

Ist cool und reduziert die Startzeit um die Hälfte. So macht es wieder Spaß. Aber ich bleibe lieber bei dem, was ich schon habe. Das kenn ich schon. Und absetzen kann ich es auch.

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