Die Kraft des Treibers
Schon beim vorhergehenden Arbeitgeber war Ralf Peters in seinem Element. Beim Montageunternehmen Kaefer Isoliertechnik in Bremen trieb er die Internationalisierung des Geschäfts seitens der IT voran. Kaefer wuchs in Peters‘ CIO-Ägide von 3.000 auf 8.000 Mitarbeiter an und dehnte seine Aktivitäten auf 39 Länder aus.
Als der diplomierte Mathematiker und Betriebswirt vor 3,5 Jahren zur Agrana wechselte, stand er vor einer ähnlichen Aufgabe: die angestrebte Expansion und Internationalisierung des Unternehmens mit weltweit 25 Produktionsstandorten tatkräftig mit den Mitteln der IT zu unterstützen. Ralf Peters: »Das musste einmal konzeptionell so aufgebaut werden, dass ein stringentes IT-System genau diesen Wachstumsprozess unterstützt, aber auch die Integration neuer Firmen ermöglicht.«
Die österreichische Agrana bezieht ihre Bekanntheit vor allem aus dem Zuckerbereich, hat in den letzten Jahren das Frucht- und Juice-Segment massiv ausgebaut und ist am Frucht-Sektor mittlerweile sogar Weltmarktführer. Auch wenn es landläufig kaum bekannt ist: die Frucht im Joghurt stammt von Agrana. »Genauso verstehen wir uns eben«, sagt Peters: »Als Systemlieferant der etwa Joghurtherstellern die Produkte so zuliefert, dass sie ihre Prozesse optimal ablaufen lassen.«
Harmonie-Bestrebungen. Das Unternehmen machte 2009 rund 2 Milliarden Euro Umsatz und wuchs im Zuge zahlreicher Akquisitionen. Unterschiedlichste Historien mussten integriert werden – und damit auch jeweils eigene IT-Landschaften.

»Die Herausforderung für die IT ist es, den Wachstumsprozess des Geschäfts zu unterstützen und überhaupt erst zu ermöglichen.«
Internationalisierung und die Integration neuer Geschäftsfelder sind heute die großen Stärken der Agrana-IT. Dabei fand Peters auch verlässliche Partner, wie etwa die Plaut-Gruppe, die zuvor bereits intensiv bei Steirer Obst engagiert war und nach der Agrana-Übernahme mehrere Projekte zur IT-Harmonisierung von Gleisdorf bis Russland begleitete. »Diese Phase hält noch immer an«, erzählt Peters. »Unser aktuelles Problem betrifft genau diese Harmonisierung, um in den Divisionen durchgängige Prozesse zu realisieren und auch zu optimieren.« Was dahinter steckt: Agrana möchte allerorts einen Prozess verwirklichen, der hoch gesteckte Anforderungen unterstützt, »da wir für die Qualität, die wir unseren Kunden bieten, gerade stehen wollen«, so Peters.
Das lässt sich nur erreichen, wenn ein Prozess so präzisiert ist, dass er, egal wo auf dieser Welt, grundsätzlich gleich ist. Zwar existieren lokale Besonderheiten aus kulturellen, historischen oder wie auch immer gearteten Gründen, aber letztendlich läuft die Produktion in Russland genauso ab wie in den USA oder in Südamerika. »Das ist die Herausforderung, die sich uns als IT stellt«, führt Peters weiter aus, »dass wir das hinkriegen, diesen Wachstumsprozess zu unterstützen und überhaupt erst ermöglichen zu können.«
Um nicht bei jedem Wachstumsschub neue Systeme einzuführen zu müssen, ist die flexible Aufstellung für die IT eine Schlüsselaufgabe: Systeme für die tägliche Arbeit liefern, aber auch jene Flexibilität zu bieten, um jederzeit neue Ausprägungen am Markt sofort unterstützen und umsetzen zu können. »Die Geschwindigkeit ist dabei enorm wichtig«, weiß Peters, »die Geschwindigkeit der Realisierung und allein schon der Möglichkeit der Realisierung.«
Nuancen der Spezifika. Jedes Land für sich ist eine Mischung aus kulturellen Besonderheiten: Wie man miteinander umgeht, wie man Projekte durchführt, auf welche Dinge man sich verlassen kann, auf welche nicht. Das macht die IT-Welt nicht einfacher. Sollte man glauben.

»Wenn man zig verschiedene Lieferanten und Systeme hat, kann man das letztlich nicht mehr beherrschen.«
Die jüngste SAP-Einführung erfolgte in Rumänien für den Bereich Zucker. »Dort war es eben eine andere Art als zum Beispiel in Mexiko«, erzählt Peters. »Das sind zwar nur Nuancen, aber denen muss man auch gerecht werden. Wir versuchen eine gemeinsame Basis in den Systemen herzustellen. Doch das ist noch ein längerer Weg, weil einige Länder noch nicht versorgt sind.« Wie etwa Argentinien, das übernächstes Jahr an die Reihe kommt, während aktuell Frankreich ansteht. Parallel zu den Roll-outs wird immer an den Prozessen selbst gearbeitet.
Das funktioniert für den Agrana-CIO recht gut: »Wir haben jetzt die organisatorischen Strukturen gebildet und uns so aufgestellt, dass wir auch die Counterparts im Business und in den Fachabteilungen besetzt haben. Dort gibt es pro Division für ein Thema Zuständige, die wir beim Ausrollen eines Templates einsetzen. Dabei kalkulieren wir Abweichungen aus landes- oder produktionsspezifischen Gründen in der Größenordnung von 10 bis 20 Prozent ein. Es wird zwar überall das gleiche Produkt hergestellt, aber im Detail ist es doch unterschiedlich. Das ist eine der Voraussetzungen für die IT, die es zu berücksichtigen gilt.«
Per Segment und im Querschnitt. In der Diskussion mit den anderen Vorstandskollegen trifft Ralf Peters auf viel Verständnis. Gerade wenn es um Prozesse geht, fühlt sich jeder Einzelne betroffen. »Man muss zwei Dinge betrachten«, so der IT-Stratege. »Erstens sind wir segmentorientiert, indem wir pro Division ein eigenes System haben und damit auch eine jeweils etwas eigene Welt. Der Business-Kontakt zwischen den CIOs und CFOs der Segmente ist sehr stark, wenn es darum geht, Prozesse übergreifend zu betrachten. Zweitens ist aber die Querschnittsfunktion gefragt, und damit kommen die weiteren Board-Mitglieder ins Spiel.«
So verfolgt die Agrana derzeit ein Projekt, durch das übergreifende Prozesse optimiert und Synergien sondiert werden sollen. Eine an sich »immerwährende Angelegenheit«, die jetzt – nachdem die Strukturen geschaffen sind – in den Brennpunkt gerät.
Die IT ist auf dieser anhaltenden Reise stets ein Wegbereiter, »um systemtechnische Dinge zu realisieren, aber auch um Business-Prozesse, die gar keine Systemunterstützung haben, zu begleiten«, so Peters. Beisatz: »Es muss nicht alles mit SAP gemacht werden. Es gibt viele Facetten.«
Zwei-Marken-Strategie. Die Entscheidung für SAP reicht bei der Agrana bis zu ihrer Gründung ins Jahr 1989 zurück. Als Peters zum Unternehmen stieß, startete die Einbindung der neuen Standorte und Segmente. Was möglichst schnell zu vollziehen war. »SAP ist kein Selbstzweck«, sagt der IT-Chef. »Wir machen die Implementierung, um nach Verfügbarkeit leichter den Prozess anpassen, modifizieren und optimieren zu können und natürlich auch Synergien zu ermöglichen, damit unsere Mitarbeiter besser zusammenarbeiten und sich selbst neue Strukturen geben oder sie nutzen. In einem gleichen System ist es leichter als wenn man irgendwo Brüche hat.«
Der Kern der Agrana-IT ist SAP. Rundherum gibt es nur wenige Spezialsysteme. »Ich bin kein Freund des Best-of-Breed-Ansatzes«, gesteht Peters, »hinterher hat man immer ein Problem, die Schnittstellen zu schaffen.«
So nährt sich die Business Intelligence der Agrana aus dem SAP BW (Business Warehouse). Jedoch wurde kürzlich mit Microsoft zusammen ein weiteres BI-System aufgesetzt – »um nicht so sehr die Datenbeschaffung sondern hinterher die Reporting-Möglichkeiten zu nutzen«. Hier schätzt Agrana die Möglichkeiten von Microsoft. »Insofern haben wir eine gute Mischung«, ist der CIO zufrieden. »Für die direkte Kopplung an die Daten gibt es das SAP-System und dessen Datawarehouse, und für spezielle schnelle Angebote an Reporting eben Microsoft. Im Grunde versuche ich eine Zwei-Marken-Strategie zu halten. Es ist einfach ein Riesenthema, wenn man zig verschiedene Lieferanten und Systeme hat – das kann man letztlich nicht mehr beherrschen und der Betreuungsaufwand ist gigantisch.«
Globale Kommunikation. Dass die Kommunikation im weit verzweigten Netzwerk der Agrana-Gruppe eine zentrale Rolle spielt, liegt auf der Hand. Um hier Optimierungen in den Abläufen vorzunehmen, sind für Ralf Peters zwei Dinge wichtig: Zum einen ist das Konzept der virtuellen Teams »sehr nutzbringend«.
Dabei kümmert sich etwa das IT-Team in Tschechien um die Virenprüfung, während sich die Mexikaner um den Windows-Update-Service sorgten. Im Zuge der konzernweiten Personalrotation ist der Verantwortliche nun allerdings mitsamt seinen Aufgaben nach Wien übersiedelt. Den Trend möchte Peters aber weiterverfolgen und auch fördern: »Unsere Leute arbeiten zusammen. Ob sie nun in Tschechien, der Slowakei, in Mexiko oder Frankreich sitzen, spielt dabei keine Rolle. Sie sollen eng kooperieren und alle Tools haben, um das auch tun zu können.«
Die über den Globus verstreuten Agrana-Mitarbeiter sollen sich für das Gesamtsystem optimal einbringen. »Das ist die eine Basis der Kommunikation«, so Peters. »Die andere ist natürlich, dass man nicht überall hinfahren und hinfliegen kann. Auch wenn viele Dinge nur von Angesicht zu Angesicht gut gehen und man mitunter vor Ort sein muss. Aber wenn quasi die Initialgeschichte gesetzt ist, sollte es auch mit den elektronischen Mitteln gut funktionieren.«Die Grundlage, dass die virtuellen Teams bestens zusammenspielen, bilden Unified Communications: Von jedem Arbeitsplatz kann jederzeit zum nächsten kommuniziert werden – per Video, Mail oder Instant Messaging.
Faire Geschichte. Für die nächsten drei Jahre sind die großen Projekte bereits heute klar vorgegeben. Prozessverbesserungen, Implementierungen, Synergien erforschen und verfügbar machen. Für Ralf Peters jedoch kein Grund, sich speziell unter Druck gesetzt zu fühlen: »Das ist klassisch. In der IT ist es sehr schnell so, dass man ein Getriebener sein kann, wenn man nur als reiner Dienstleister agiert und jemand aus dem Business sagt, jetzt will ich dies und jenes. Wenn man selbst jedoch auch ein Stück weit treiben kann – was bei unseren Projekten ja eher der Fall ist –, dann ist es eine faire Geschichte.« Was aber schon der Geschäftsbericht des Vorjahres verheißt: »Synergie als Strategie«.







