Software-Industrie Österreich

Eine Branche ist erwachsen

LieberWelchen frischen Wind bringen Sie als neuer Präsident des VÖSI in die Softwarebranche ein?
Peter Lieber Eine wesentliche Richtungsänderung unseres Verbandes ist, dass wir keine Forderungen mehr an die Politik stellen und damit Probleme delegieren, sondern klar sagen, wofür wir stehen. Dazu gibt es nun ein Manifest des VÖSI.

Welche Zielthemen sprechen Sie an?
Lieber Das eine ist der gesellschaftliche Nutzen, den Software heute in jedem Lebensabschnitt des Menschen bedeutet, und die damit massiv gestiegene gesellschaftliche Verantwortung. Ein anderes Thema ist Industrie 4.0, also die Informatisierung der Industrie, wodurch Software neben der Mechanik und der Elektrik einen zumindest gleichwertigen Stellenwert erhalten hat und auch der VÖSI in der Wahrnehmung viel wichtiger geworden ist.

Und im volkswirtschaftlichen Sinn?
Lieber Arbeitsplätze der Zukunft sind ein zentrales Thema. Laut einer Studie werden durch die IT-Branche in den nächsten Jahren in den westlichen Ländern 1,9 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen – aber die qualifizierten Leute dafür gibt es nicht! Dafür müssen wir Aufmerksamkeit schaffen, weil gerade Software Arbeitsplätze in einem kreativen Umfeld schafft.

Hier liegen Wachstumschancen brach?
Lieber In Österreich ist Software nach dem Tourismus die zweitstärkste Industrie. Wir haben eine unglaublich hohe Exportquote von qualifizierten Dienstleistungen im Bereich Software. Dummerweise haben wir auch das Problem, dass viele hochqualifizierte Arbeitskräfte abwandern. Nichtsdestotrotz schaffen wir eine extrem hohe Exportrate in unserer Branche.

»Werte, die uns wichtig sind, und was wir dafür tun«, Peter Lieber, Präsident des VÖSI.

»Werte, die uns wichtig sind, und was wir dafür tun«, Peter Lieber, Präsident des VÖSI.

Die Anforderungen an Softwarespezialisten sind sehr differenziert.
Lieber Aber es gibt eine extrem hohe Bereitschaft sich auszutauschen und sich zu spezialisieren. Das Universalgenie gibt es nicht mehr. Es differenzieren sich gewisse Rollen aus und auch innerhalb einer Spezialisierung wieder Spezialisierungen, was ein Hinweis auf das Erwachsenwerden der Branche ist. Damit wird Networking einfach sinnvoll.

Die österreichische Softwarebranche ist überwiegend von Kleinunternehmen geprägt. Der VÖSI spricht aber vor allem größere Player an.
Lieber In unserer Branche sind rund 70% der Firmen Einzelunternehmer. Der VÖSI ist für jene da, die Mitarbeiter haben oder zumindest reproduzierendes Geschäft bedeuten. EPUs sind unsere Zulieferindustrie. Aber das ergibt auch einen interessanten Brückenschlag. Letztlich adressieren wir rund 600 Unternehmen in Österreich und vertreten damit zwei Drittel des Umsatzes der Software-Industrie.

Was ist nun das Markante am Manifest?
Lieber Die Art und Weise, wie es formuliert ist. Es geht nicht darum zu sagen: Die Politik hat zu tun, sondern: Wir tun. Wir sagen nicht: Das darf nicht sein, sondern wollen wirtschaftlichen Nutzen im Einklang mit kommerziellen Interessen. Die Botschaft lautet nicht Weg-von sondern Hin-zu. Wir sagen: Dorthin wollen wir und das tun wir dafür. Forderungen bedeuten immer eine Delegation an jemand anderen. Ob der es dann macht oder nicht, ist seine Verantwortung. In diesem Fall ist es unsere Verantwortung, ständig Aktivitäten zu setzen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist eine große Mindset-Änderung im Auftritt. Der VÖSI formuliert mit dem Manifest Werte, die ihm wichtig sind und was er dafür zu tun bereit ist. Die einzelnen Maßnahmen definieren wir durch Aktionen.

Was für Aktionen?
Lieber Dass wir zum Beispiel im Bereich Bildung Lizenzen zur Verfügung stellen. Dass wir speziell für EPUs die Idee von Shared Lehrlingen forcieren. Oder auch dass wir unsere eigene Meinung zum Einsatz der Breitband-Milliarde kundtun.

Was sind Ihre Nahziele?
Lieber Wir wollen kurzfristig sichtbarer werden. Wir wollen auch den vielen Hidden Champions in Österreich einen Nährboden bieten, damit sie ihre Erfahrungen artikulieren können, um damit eine Kultur zu schaffen, die ein Miteinander zulässt und keine Neid-Kultur fördert.

Wie weit blicken Sie über den rot-weißroten Tellerrand hinaus?
Lieber Meine Devise lautet Think global, act local. Wir werden Gespräche mit dem deutschen BITKOM führen, der 1600 Mitglieder und entsprechendes politisches Gewicht hat. Davon können und wollen wir lernen. Aber wir werden uns nicht einverleiben lassen, sondern als österreichischer Verband eigenständig bleiben. Bei uns sind internationale Konzern, die hier regional arbeiten, genauso willkommen. Die Vernetzung ist deswegen wichtig, weil es ein zusätzlicher Austausch ist. Ich hatte bereits ein Meeting mit dem Verbandsleiter von der Schweiz, die schon über den UBIT in Österreich vernetzt ist, und wo man Softwarethemen künftig noch stärker unterstreichen kann. Ich habe nicht vor, eine Wir-sind-wir-Mentalität zu pflegen. Ich fühle mich als Europäer und glaube, dass man sich als Softwaremensch noch globaler fühlen darf und soll. Dabei geht es auch um die Challenge, in der Branche ein Innovation Leader werden zu wollen.

Verband Österreichischer Software Industrie – Das Manifest
Der VÖSI hat es sich zur Aufgabe gemacht, die österreichische Softwarebranche national und international zu stärken, Rahmenbedingungen für nachhaltige wirtschaftliche Erfolge in diesem Segment zu schaffen und den gesellschaftlichen Diskurs zu Software zu fördern. »Softwarebranche« meint alle Unternehmen, die selbst Software entwickeln oder deren Geschäftstätigkeit zu einem signifikanten Teil im Entstehungsprozess von Software einzuordnen ist.
1. Gesellschaftlicher Nutzen im Einklang mit kommerziellen Interessen. In vielen Bereichen des modernen Lebens ist Software vertreten. Die Softwarebranche leistet einen wertvollen Beitrag im Alltag aller Menschen. – VÖSI setzt sich dafür ein, den gesellschaftlichen Dialog über die Rolle der Software zu intensivieren und das Verständnis von Software zu fördern.
2. Attraktive Arbeitsplätze & Wertschöpfung für mehr Wohlstand. Die Softwarebranche schafft überdurchschnittlich viele attraktive Arbeitsplätze in einem kreativen Umfeld mit typischerweise flachen Hierarchien. – VÖSI setzt sich dafür ein, die Softwarebranche zu stärken und entsprechende Rahmenbedingungen für Arbeitnehmer und (Jung-) Unternehmer stetig weiter zu entwickeln.
3. Innovative Software für eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft. Die Softwarebranche leistet einen wichtigen Beitrag zum Wettbewerbsvorteil von Unternehmen. Nutzen und Innovation werden bei gutem Preis-/Leistungsverhältnis geschaffen. – Der VÖSI setzt sich dafür ein, den Nutzen von Software für Unternehmen und Konsumenten breit zu kommunizieren.
4. Wirtschaftswachstum & Innovation für eine starke Volkswirtschaft. Die Softwarebranche schafft moderne Arbeitsplätze, ist eine exportorientierte Wachstumsbranche und ein Innovationsmotor. – Der VÖSI sucht das Gespräch mit der Politik, um die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Branche zu verbessern. Gleichzeitig wird eine Verbesserung der internationalen Vernetzung angestrebt, um die Bedeutung der österreichischen Branche durch gezielte Nutzung von Exportchancen das Wachstum zu stärken.
5. Interessensvertretung für eine starke Softwarebranche. Der VÖSI bietet Unternehmen eine aktive Plattform und ergreift die Stimme zu aktuellen Themen. – Der VÖSI sieht sich als aktive Interessensvertretung der Softwarebranche und arbeitet kontinuierlich an der Verbesserung der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz von Software als wichtigem Baustein eines modernen Lebens. Eine möglichst große Zahl an Mitgliedern erleichtert und beschleunigt die Verfolgung dieses Ziels.
6. Networking für partnerschaftliche Erfolge. Der VÖSI bietet Plattformen zum Erfahrungs- und Wissensaustausch und zum Knüpfen neuer Kontakte auf Fach- und Führungsebene. – Ziel ist die Vernetzung der Mitglieder durch direkten Wissensaustausch in Arbeitskreisen und beim vierteljährlichen VÖSI-Branchentalk. VÖSI-Mitglieder lernen voneinander und entwickeln gemeinsame Positionen und Aktivitäten, um die Stellung von Software als zentraler Bestandteil der österreichischen Wertschöpfung zu untermauern und gleichzeitig das Software-Business auszubauen.

VÖSI: Der Verband Österreichischer Software Industrie ist eine Interessengemeinschaft der bedeutendsten österreichischen IT-Unternehmen. 1986 gegründet, sind derzeit rund 30 große und mittlere Software- und IT-Dienstleistungsunternehmen im VÖSI organisiert. Ziel ist es, eine starke Interessenvertretung für all jene zu sein, die in dieser zukunftsträchtigen, bewegten Branche arbeiten.
www.voesi.or.at

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