Ausgabe 11 / 2011

Schöne neue Welt

Wie das World Wide Web in Zukunft aussehen
wird? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Es ist bloß ein Gedankenexperiment. Aber
was passiert, wenn die großen Internet-
Konzerne immer mächtiger werden und
ihnen niemand Einhalt gebietet? Vielleicht
vertrauen Web-Nutzer in fünf Jahren nur
noch einem großen Anbieter, der unter
seinem Dach geschützt alles anbietet, was
man im Internet halt so anstellen möchte. Es
ist eben riskant geworden, so ganz allein und
mit nur geringem Schutz ausgestattet durchs
World Wide Web zu flanieren. Abgezockt ist
man schnell irgendwo. Und einen Trojaner
hat man sich auch bald so mir nix dir nix
eingefangen. Wenn also ein vertrauensvoller
Anbieter sich um ein soziales Netzwerk, eine
Online-Einkaufsplattform und jede denkbare
Form von Unterhaltung (darf auch kostenpflichtig
sein) kümmert, was will der moderne
Digitalbürger mehr? Alles ist schließlich
geprüft und abgeklopft auf die grundvernünftigen
Werte und Ziele des Konzerns,
selbst wenn sie nicht ganz transparent dargestellt
sein sollten.

Full Service:
Nach Abschluss eines Nutzungsvertrags
erhält das neue Mitglied ein aktuelles
Smartphone eines Kooperationspartners,
das im Netz des Konzerns funkt und Gespräche,
Bilder und Bewegungsdaten automatisch
mit seinem Profil verknüpft. Außerdem gibt
es Zugang zu exklusiven Angeboten wie
einer Jobbörse, in der geprüfte Anbieter
passgenaue Verdienstmöglichkeiten anbieten,
oder zu Ferienresorts des Konzerns.
Zusatzleistungen umfassen Bildungskurse
für den Nachwuchs, eine Rundum-Betreuung
durch persönliche Trainer, Anwälte und
vieles mehr. Umfassendes »Lebensmanagement
« aus einer Hand – oder zumindest über
exklusiv angebundene Sub-Unternehmen.

Auf der Online-Insel:
Einige Netz-Konzerne
bieten sogar eigene Wohnanlagen, Zugang
zu Transportdiensten, und praktisch alle
bieten günstige Kranken- und sonstige Versicherungsleistungen
an.
Den Großteil seiner wachen Zeit verbringt
der auf der Online-Insel gefangene Kunde
mit und auf Angeboten des Unternehmens.
Spielräume für risikolastiges Verhalten sind
minimiert. Notfalls greift ein Agent ein
und erinnert an die allgemeinen Geschäftsbedingungen.
Wer allerdings gegen die Hausregeln verstößt
und in seiner virtuellen Community
aneckt, riskiert den Rauswurf. Dafür kann
es schon ausreichen, für eine bestimmte Partei
Werbung zu machen oder das Produkt
eines Partnerunternehmens offen zu kritisieren.
Das bedeutet den Neustart bei einem
der konkurrierenden Netze und den Verlust
der alten Freunde.

Wer bei einem der Online-Giganten rausgeflogen
ist, hat es schwer: Ohne überprüftes
Mitgliedskonto gibt es weder einen
Arbeitsplatz noch einen Mietvertrag. Auch
der Zugang zu Krankenhäusern, Schulen
und Geschäften des Konzerns fällt flach.
Die Aussätzigen sind angewiesen auf die
wenigen unabhängigen Anbieter – die für
qualitativ schlechtere Produkte und Leistungen
deutlich höhere Preise verlangen müssen,
weil sie gegen die Größe der Web-Konzerne
nicht ankommen. Die schöne neue Welt ist
braven Kunden vorbehalten.
Wie gesagt: Dies ist nur Gedankenspielerei.
Denn wie das Netz in Zukunft tatsächlich
aussehen wird, lässt sich mit Zahlen und
Berechnungen nicht vorhersagen.

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