Ausgabe 10 / 2010

Vorsicht, Hochspannung!

IT ist mittlerweile Säule eines jeden Unternehmens.
Warum nicht aus der Steckdose saugen?

Strom, Wasser, Gas, Telefon, Computer.
Der amerikanische Autor Nicholas Carr
hat es in seinem vor zwei Jahren erschienenen
Buch »The Big Switch« treffend beschrieben.
Informationstechnologie gehört
mittlerweile zum Kernbestand dessen, was
Unternehmen ihr Kapital nennen, und erfüllt
eine existentielle Funktion. Nun steht die IT
knapp davor, zu einer Leistung zu werden,
die über eine gemeinsame Infrastruktur zur
Verfügung gestellt und ähnlich wie Strom
abgerechnet wird – bloß nicht in Kilowattstunden,
sondern in Gigabyte. Utility pur.
Schon in der Vergangenheit gab es immer
wieder Versuche, solche Infrastrukturen aufzubauen
– etwa in den 60er-Jahren über
zentrale Großrechner mit eigenem Telefonanschluss.
Zum großen Geschäft wurden diese
frühen Experimente nie. Als Nadelöhr erwies
sich immer wieder die Bandbreite der Datenübertragung,
sodass sich genau das Gegenteil
vollzog, nämlich die radikale Dezentralisierung
der IT.

World Wide Computer:
Das sieht heute anders
aus. World Wide Web und Breitbandkommunikation
haben die »Cloud« geformt – die
sprudelnde Quelle eines riesigen, weltumspannenden
Megacomputers, der omnipräsent
ist, modular aufgebaut, seine Fühler
allerorts hinstreckt und noch dazu einen neuen
sozialen Raum kreiert, der die Kommunikation
und Kollaboration revolutioniert.
Cloud Computing ist das Versprechen, das
Internet von einem Netz der Informationen
in ein Netz der Funktionen zu verwandeln:
ein »World Wide Computer«, der alle an ihn
gestellten Aufgaben mit enormer Rechenleistung
und verteilter Intelligenz bewältigt,
individuell konfigurierbar ist, unermüdlich
Wissen sammelt und auf den über beliebige
Schnittstellen zugegriffen werden kann.
Unsere PCs sind bloß noch Terminals, deren
Nutzen nicht länger davon abhängig ist, was
auf der Festplatte gespeichert wurde, sondern
von den Möglichkeiten des Netzes, an
das sie angeschlossen sind. Damit werden
Informationsgiganten wie Google, Amazon
oder Microsoft zu Versorgungsdienstleistern,
ähnlich wie Stadtwerke, Wasserwerke, Telefongesellschaften.
Auch die Buchhaltung
oder die Bildbearbeitung kommt künftig aus
der Steckdose.

Die Umwälzung:
Im Unternehmenskontext
zentrieren sich die Bedenken gegenüber
»Cloud Sourcing« vor allem rund um das
Thema Sicherheit. Doch auf der Seite der
Treiber ist die immer wieder angesprochene
Ineffizienz des gegenwärtigen IT-Paradigmas
ein gewichtiger Faktor, der Unternehmen erhebliche
Kostenersparnisse durch die Auslagerung
zumindest eines Teiles ihrer IT
ins Netz verspricht. Dazu beitragen sollen
auch niedrigere Wartungs- und generell sinkende
Personalkosten: Die teuren IT-Abteilungen
der Unternehmen hören in dem Tempo
auf, sich zu rechnen, in dem man Dienstleistungen
und Speicherkapazität aus dem Internet
beziehen kann. Cloud Computing, so
sagen Befürworter zudem, wird auch mehr
Beweglichkeit in die Unternehmens-IT bringen,
die heute der Realität im Business oft
hinterher hinkt.

Diese Entwicklung ist einerseits Grund zur
Freude, da es effizienter ist, Kapazitäten aus
dem Internet zu beziehen als lokal vorzuhalten.
Andererseits entsteht eine enorme
Abhängigkeit von den Versorgern. Die
Nebenwirkungen der Umwälzung des Client-
Server-Modells zum »Utility-Computing«
sind noch längst nicht ausdiskutiert. Aber
die Droge haben wir schon geschluckt.

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