Ausgabe 07-08 / 2011

Riskante Zahlenspiele

Wir hängen an unseren analytischen und
numerischen Tools – und sind gegenüber ihren
Beschränkungen blind geworden.

Die Wirklichkeit mit Zahlen beschreiben
ist ein ungebrochener Trend, der
bloß noch mehr zunimmt. Von der Technologie
hin zum Business und zu den Finanzmodellen
– wir interagieren mit der Welt mit
Mitteln der Quantifizierung.
In einem beachtenswerten Blog im Harvard
Business Review hat William Byers, Mathematik-
Professor an der Concordia University
in Montreal, die Risiken herausgearbeitet,
die entstehen, wenn man immer versucht die
Realität mit Zahlen zu beschreiben. Zwar
sei die Mathematik bestens geeignet, wenn
es um Präzision und Objektivität geht, aber
Mathematik erlaube keine Flexibilität.
Zahlen geben uns ein Gefühl von Sicherheit
und der Kontrolle über Probleme, aber sie
geben uns nie die Gesamtheit aller Situationen
und besonders nicht die von nicht quantifizierbaren
Einflussfaktoren wie menschliches
Verhalten, so Byers. Daher könne eine
reine Zahlenbetrachtung im Endeffekt
Probleme übersehen und neue schaffen.

Grenzen der Zahlen:
Byers skizziert vier Szenarien,
die die Grenzen von Geschäfts- und
Finanzmodellen aufzeigen. Erstens fehlt
die Ambiguität, obwohl gerade Mehrdeutigkeit
die Krux in den meisten Business-
Problemen
darstellt. Zweitens geben sie uns
den falschen Eindruck, dass alles linear
und einfach vergleichbar sei. Realität aber
erfordert alle möglichen Typen qualitativer
Variablen, die in der Regel kaum zu
klassifizieren sind. Drittens befassen sich
die meisten Systeme mit Menschen. Daher
sind sie selbstreferentiell, was Vorhersage
oder Steuerung sehr schwierig macht, und
sie sind chaotisch im mathematischen
Sinne. Typischerweise fehlen aber diese
Eigenschaften in den Modellen. Schließlich
basieren auch alle Modelle auf Wahrscheinlichkeiten,
aber ein Zufallsmodell ist
nicht gleichzusetzen mit dem Zufall in der
Realität.

Reales Leben:
CIOs sind ständig angehalten,
die IT-Anforderungen als ROI, Kosteneinsparungen
und in der Auswirkung auf
den Saldo zu quantifizieren, damit die CFOs
und andere Vorstandsdirektoren verstehen,
worum es geht. Ein solcher Ansatz ist natürlich
ein guter Filter, der nur ernsthafte und
wohl durchdachte Initiativen durchlässt, hat
aber auch seine Grenzen.
CIOs wissen, dass Unsicherheit ein Fakt im
realen Leben ist und dass die besten statistischen
Vorhersagen nichts wert sein können.
Aber Unsicherheit hat die Tendenz,
die Dinge zu komplizieren und teuer zu
machen. Genau das aber ignorieren CFOs
oder CEOs nur zu gerne. Ein guter Tipp für
vorausblickende CIOs: Bei der nächsten
Vorstandspräsentation William Byers zitieren.
»Admitting uncertainty means facing
reality – and our own needs for security.
But admitting uncertainty is not enough. We
must learn to actively embrace uncertainty
and work with ambiguity.«

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