Die zentrale Kraft der Technologie
Tablet-PCs, WLAN und RFID sind auf dem Vormarsch. Der nächste Schritt der Hightech-Medizin holt weit aus. »Der Arzt wird in Zukunft mit einem mobilen Endgerät am Krankenbett auftauchen«, sagte Oliver Bernecker, Co-Geschäftsführer der Grazer Firma exthex, jüngst in einem Zeitungsinterview. Smartphones oder Tablets sollen künftig Fixpunkte der Spitalsarbeit sein.
Revolutionär daran sind weniger die Geräte als vielmehr die darauf installierte Software. Und für eine solche hat exthex vor kurzem in Abu Dhabi den »World Summit Award« in der Kategorie »eHealth« erhalten: »EMMA« (Excellent Mobile Medical Assistant), so ihr Name, wurde als App für Apple- und Android-Geräte entwickelt und hat das Zeug zum ultimativen Tool für das medizinische Personal in sich. EMMA soll etwa bei der Erfassung von Vitalwerten helfen. Anstatt Temperatur, Puls oder Blutdruck auf Papier zu notieren, können diese nun digital dokumentiert werden und sind dann auch von anderen befugten Personen unkompliziert einsehbar. Selbst die Kameras von Handys oder Samsungs »Galaxy Tab« bringen neuen Nutzen.
»Bis dato werden Wunddokumentationen noch nicht einheitlich gemacht«, so Bernecker – mit den eingebauten Cams lasse sich das jetzt simpel handhaben. In der Kinderwunschklinik in Wels ist die Software bereits im Testeinsatz. Weitere Möglichkeiten eröffnen sich bei der Verschreibung von Medikamenten. Denn EMMA könnte in Zukunft mit so genannten UNIDOS-Systemen zusammenspielen: Vom Tablet schickt der Arzt einen Befehl an die Maschine, die dann vollautomatisch die gewünschte Dosis eines Mittels abpackt und ans Bett des Patienten liefern lässt. »Medikationsfehler werden dadurch weitgehend ausgeschlossen«, unterstreicht Bernecker den Sicherheitsaspekt. Jedenfalls hat sich exthex mit dieser Anwendung zum Ziel gesetzt, die alltäglichen Arbeitsabläufe im Gesundheitswesen zu erleichtern und zu beschleunigen und so gleichzeitig die Sicherheit der Patienten zu erhöhen.
Strategischer Fokus. Längst hat sich »E-Health« im strategischen Fokus unserer Gesellschaft festgesetzt. Die Qualität des Gesundheitssystems kann nur aufrecht erhalten werden, wenn IKT-Lösungen eingesetzt werden, die helfen, die Effizienz zu steigern und Kosten zu senken. In den letzten Jahren wurden bereits zahlreiche Lösungen mit beispielhaftem Charakter realisiert. So hat etwa A1 Telekom Austria einige Projekte mit dem Österreichischen Roten Kreuz realisiert, wo es um Leitstellenlösungen und mobile Einsatzplanung ging. Für mobile Pflegedienste sind heute Lösungen im Einsatz, wo Auftragsdisposition und Abrechnung deutlich vereinfacht wurden. Darüber hinaus stehen immer wieder neue Projekte im Bereich Telemedizin an, wo es darum geht, den Kontakt zwischen Ärzten bzw. medizinischen Personal und kranken Menschen über moderne Kommunikationstechnologien zu verbessern. Wie etwa multimediale Krankenbetten inkl. TV, Internet und Telefon, sowie direkt verwaltbare Patientendaten, oder einfachere Kommunikation mit dem Pflegepersonal und Angehörigen, beispielsweise über das TV-Gerät, oder die Digitalisierung und Mobilisierung von administrativen Prozessen in Pflege und Medizin.
Aktuelle Trends. Der CSC-Report »The Future of Healthcare: It’s Health, Then Care« listet mehrere solcher Anwendungen auf, wie die Informationstechnologie zu einer Revolution im Gesundheitswesen führen soll. Darunter: Intelligente Tabletten, die genau definierte Dosen ihres Wirkstoffs im Körper des Patienten freigeben, oder Kontaktlinsen mit Mikrochips, die den Einsatz verbessern, und IT-gestützte Mittel, die für eine Erneuerung der Haut sorgen sollen. Selbst Gehirnimplantate werden in Erwägung gezogen. Insgesamt nennt der Report fünf Schlüssel-Trends, die das Gesundheitswesen fundamental verändern sollen. Gemeinsam ist ihnen, dass IT die zentrale, treibende Kraft ausmacht:
1. E-Power to the Patient. Patienten erhalten täglich Informationen über ihren Gesundheitszustand, wenn sie über einen Provider an ein Krankenhaus oder einen niedergelassenen Arzt und dessen Informationssysteme angeschlossen sind. Monitoring und geeignete Applikationen sind teilweise noch in Entwicklung. Smartphones spielen eine besondere Rolle, ebenso verschiedene Sensoren am Körper oder in der Wohnung des Patienten.
2. Frühere Entdeckung von Krankheiten. Die rechtzeitige Entdeckung und Diagnose von Krankheiten ist entscheidend, wenn eine Behandlung erfolgreich sein soll. Technische Hilfsmittel hierfür umfassen eine ganze Bandbreite von einfachen Überwachungsgeräten bis hin zu hochkomplexen Testlösungen. Dazu können Nanotechnologie-Geräte für den Brusttest zur Entdeckung von Diabetes oder Krebs gehören oder auch Kameras und Fiber-Optic-Lösungen zur Krebsidentifizierung.
3. Neue Implantate-Generation. Die nächste Generation von Hightech-Geräten wird Implantate und Sensoren umfassen, die den Krankheits- und Genesungsprozess direkt vor Ort, im Körper des Patienten, kontrollieren. Sie können auch besonders kranke Organe ersetzen, etwa die Augen bei Erblindung. Ein weiteres Beispiel: So genannte Smart Pills senden Signale, wenn sie vom Körper verdaut bzw. der Wirkstoff aufgenommen worden ist.
4. Mehr Ressourcen und Anbieter. Die Rolle von Gesundheits-Providern wird sich ändern, da es mehr ferngesteuerte Geräte geben wird und neue Online-Communities sich dieser Thematik annehmen werden. Dies gilt sowohl für die Diagnose- und Heilungsprozesse im engeren Sinn als auch für Training und Unterricht. Für Smartphones, Videos und Apps für Tablets wird es neue Einsatzbereiche in der Medizin geben.
5. Globales Ecosystem. CSC sieht ein Global Healthcare Ecosystem entstehen, das künftig weltweit Daten und medizinisches Wissen zur Verfügung stellt. Beispielsweise sollen in dem Projekt »M2Gen« personalisierte Behandlungsmethoden für Krebs erforscht werden, und die »Aeras Global TB Vaccine Foundation« führt Impftests auf drei Kontinenten durch. Im Projekt »Global Public Health Grid« geht es um die weltweite Verbesserung der medizinischen Informationssysteme. Der Report malt die Zukunft des Gesundheitswesens in rosigem Licht aus: IT kann den Patienten mit vielen neuen Methoden helfen. Wenn jetzt noch Regierungen, Krankenkassen, Spitäler und Ärzte mitmachen, steht der revolutionären Medizin nichts im Weg.
Mobile & Connected. Wenn schon nicht revolutionär, so schreitet der Einsatz moderner Technologien im Gesundheitswesen dennoch unaufhaltsam voran. Gerade im Segment »Mobile Health« trägt laut einer Untersuchung des »Pew Internet & American Life Project« vom Oktober 2010 die zunehmende Verbreitung von Smart Phones und Apps dazu bei, dass der Patient unabhängig davon, wo er sich gerade aufhält, medizinische Informationen bekommen oder mit einem Arzt oder Krankenhaus in Kontakt treten kann. Zeitaufwändige Praxis- oder Krankenhausbesuche müssen nicht mehr bei jeder Gesundheitsstörung absolviert werden.
Nach Einschätzung der Forscher von Pew gibt es schon jetzt signifikante Beispiele für angewandte »Mobile Health«:
• Einige Krankenhäuser informieren Patienten über SMS, wenn es in der Notfallstation oder anderen Abteilungen lange Wartezeiten gibt, so dass bei weniger dringenden Fällen ein Besuch zu einer günstigeren Zeit stattfinden kann.
• Großdrogerien wie Walgreens, die in den USA auch Medikamente auf Rezept ausgeben, benützen ebenfalls SMS-Nachrichten, um den Patienten das Eintreffen von nicht vorrätigen Medikamenten zu melden. Außerdem wird eine App gestartet, auf der die Kunden unter anderem ihre Verschreibungsgeschichte nachlesen können.
• Blue Shield, eine Krankenversicherung aus Kalifornien, bietet schwangeren Frauen und Müttern mit kleinen Babys Informationen über die Vor- und Nachschwangerschaftszeit an. Mit »text4baby« hat man dafür einen eigenen SMS-Dienst eingerichtet.
• Die Ohio State University hat eine Pilotstudie für Jugendliche mit Diabetes-Problemen gestartet. Betroffene werden per SMS an die Einhaltung ihrer Insulintermine erinnert. Wer so eine Erinnerungsnotiz auf sein Handy erhält, wird mit dreifach erhöhter Wahrscheinlichkeit nicht seine Insulindosis verpassen. Vor Beginn des Pilotprojekts versäumten die Jugendlichen pro Woche neun von elf Terminen. IDC spricht in diesem Zusammenhang auch von »Connected Health« (www.idc.com/downloads/Connected_Health_FS_RA.pdf). Aus der Kombination von weit verbreiteten Handys und neuen Apps könnten laut den Analysten neue Technologien entstehen, die Patienten direkt mit Ärzten, Kliniken und weiteren Gesundheitsorganisationen kommunizieren lassen.
Arztpraxis aus der Wolke. Dass nun sogar IBM – sonst dafür bekannt, hauptsächlich mit großen Kunden profitable Umsätze vom Mainframe bis zum lukrativen Service- und Beratungsgeschäft zu machen – den fragmentierten Markt der niedergelassenen Ärzte anvisiert, mag aufs erste wunderlich erscheinen. Doch Software-as-a-Service und Cloud Computing machten es schon im Herbst des Vorjahres möglich. Zusammen mit Partnern stellte Big Blue in den USA ein Angebot ins Netz, mit dem Ärzte die Daten ihrer Patienten elektronisch erfassen und verwalten können. Der große Vorteil für die Ärzte und ihre Partner: Software für Patientendaten und Data Mining sowie IT-Infrastruktur steht nicht bei ihnen in der Praxis oder im Krankenhaus, sondern in den Rechenzentren von IBM. Der Zugriff erfolgt über die »Wolke« auf irgendwo installierte Rechner und Software. Die Gebühren für die elektronische Datenerfassung (Electronic Health Records) richten sich nach Menge und speziellen Anforderungen.
Den Zeitpunkt für sein erstes Software-as-a-Service-Angebot für das Gesundheitswesen hat IBM klug gewählt: Im Rahmen der Gesundheitsreform in den USA stellte die Regierung für jeden niedergelassenen Arzt bis zu 44.000 Dollar zur Verfügung, wenn er sich neue Computer und Software für die digitalen Patientendaten zulegt. Ob und wann der neue Dienst für Cloud Computing nach Österreich kommt, ist offen.
Doch zumindest ist ein Weg vorgezeichnet, wie man den üblicherweise zurückhaltenden Ärzten moderne IT-Angebote näher bringen kann. Eine IDC-Analystin dazu: »Das Letzte, was Ärzte wollen, ist etwas mit IT-Technologie zu tun zu haben. Sie wollen keine Software installieren und bedienen oder sich um Server kümmern.« Cloud Computing wäre also genau das Richtige für IT-scheue Ärzte.
Viele Schwächen. Der deutsche Branchenverband der Hersteller von IT-Lösungen für das Gesundheitswesen, VHitG, geht in seinem letzten Innovationsreport davon aus, dass durch den verstärkten Einsatz von IT-Lösungen im Gesundheitswesen Einsparpotenziale in Millionenhöhe zu realisieren wären. Allerdings erforderte dies erst einmal verstärkte Investitionen in die IT-Infrastruktur und in die Ausstattung mit IT-Fachpersonal. Viele Institutionen des Gesundheitswesens hätten nicht nur bei IT-Equipment und geeigneter Software einen großen Nachholbedarf, sondern auch bei IT-Betreuung und Knowhow. Oft müssten externe Berater und Systemhäuser hinzugezogen werden, wenn neue Projekte anstehen und Modernisierungen durchgeführt werden müssten.
Als Beispiel einer notwendigen Modernisierung nennt der VHitG den Einsatz von Business Intelligence-Lösungen, die einfach zu handhaben sind und auch komplexe Aufgaben und Abfragen schnell und flexibel ausführen können. Auf einer einfacheren Stufe könnten Standardlösungen für Buchführung und Controlling wie zum Beispiel ERP-Software eingesetzt werden. Dadurch würden Krankenhausleitung und die kaufmännisch Verantwortlichen mehr Übersicht und Transparenz gewinnen über die gesamten Kosten und Leistungen, die in den einzelnen Abteilungen entstehen und die ein Patient während des Klinikaufenthalts verursachen kann.
Notwendige Konsolidierung. Generell steht es um die Verknüpfung der Daten innerhalb eines Krankenhauses nicht zum Besten. Das betrifft auch Klinikverbunde oder die Situation zwischen den verschiedenen Sektoren im Gesundheitswesen. Es sind zu viele unterschiedliche, proprietäre IT-Systeme im Einsatz, die oft nicht einmal einen Datenaustausch in einer einzelnen Region erlauben. Hier ist in vielen Fällen noch eine Konsolidierung der Anwendungen angesagt.
Krankenhäuser benötigen einen aktuellen Überblick über den Stand der Behandlung eines Patienten, wenn er die verschiedenen Stufen einer Untersuchung durchläuft. Befunde, Diagnosen, Laborbefunde, Medikationen oder medizinischen Dokumente sowie eine Übersicht über die bisherige Behandlung sollten überall »auf Knopfdruck« bereit stehen. Oft sind die Daten jedoch auf mehrere IT-Systeme verteilt oder liegen nur in Papierform vor, was einen unnötigen Kommunikationsaufwand verursacht.
Der lange Marsch. Heute ist es selbstverständlich, dass Daten in Gesundheitseinrichtungen überwiegend digital erzeugt, versandt, angesehen und gespeichert werden. Für die Erfassung und Verwaltung dieser Daten gibt es eine große Zahl mehr oder weniger spezialisierter Informationssysteme. Dabei fragt sich der Beobachter, ob so viele unterschiedliche Systeme nötig und gesund für eine Krankenhausorganisation und das Gesundheitswesen insgesamt sind. Krankenanstalten verfügen über ein Informationssystem für Patientendaten, ein Krankenhaus-Informationssystem (KIS), ein Radiologie-Informationssystem (RIS) sowie ein Bilddatenarchivierungs- und Kommunikationssystem (PACS). Technisch ließe sich das einfacher gestalten.
Allerdings sind es auch keine technischen Probleme, die eine Konsolidierung verhindern, sondern eher die Schwierigkeit, dass die Optimierung eines Systems auf die Bedürfnisse einer Abteilung und letztlich auf die Gesamtheit der Organisation ein Prozess ist, der profundes Fachwissen, intensive Kommunikation und viele Jahre Zeit erfordert. Der Weg zum »Digitalen Krankenhaus« bleibt ein langer Marsch.






