Digital Transformation

»Zukunft passiert nicht, sie ist gestaltbar!«

Herr Zettel, was sind aktuell die großen Trends für Österreichs Unternehmen?
Michael Zettel Globalisierung, geopolitische Veränderungen und technische Innovationen sind die großen Themen unserer Zeit. Besonders die Digitalisierung verändert unsere Wirtschaft und Gesellschaft tiefgreifend. Das gilt für die Nutzung riesiger Datenmengen ebenso wie für Maschinen, die so intelligent geworden sind, dass sie Leistungen erbringen, die vor Kurzem noch undenkbar waren. Wir glauben, dass fünf Trends die digitale Wirtschaft prägen werden. Erstens, die intelligente Automatisierung, die Unternehmen bei der Bewältigung immer komplexerer Aufgaben helfen wird.
Künstliche Intelligenz erlaubt die Vernetzung von Systemen, Daten und Menschen und ermöglicht völlig neue Services, die wir uns heute zum Großteil noch nicht einmal vorstellen können.
Zweiter Trend sind plattformbasierte Geschäftsmodelle. Immer mehr Unternehmen setzen darauf, um zu mehr Wachstum zu kommen.
Den dritten Trend bezeichnen wir als »Predictable Disruption« – die vorhersehbare Disruption. Durch die Digitalisierung verschwimmen immer mehr die Grenzen zwischen Branchen und Industrien, und es entstehen komplett neue digitale Geschäftsnetzwerke, die Marktführer zu ihrem Vorteil nutzen. Im digitalen Zeitalter werden wir auch einen neuen Mitarbeitertypus kennenlernen.
Für uns der vierte Trend: »Liquid Workforce«. Es reicht nicht aus, die neuesten Technologien zu besitzen. Unternehmen müssen auch eine dazu passende Personalstrategie entwickeln. Dies betrifft zunächst die Qualifikation der Mitarbeiter. Ob Big Data Analytics, Internet of Things oder Cyber-Security: Künftig sind völlig neue Kompetenzen gefragt. Last but not least geht es in der zunehmend digitalen Welt um »Digitales Vertrauen«. Wollen Unternehmen das Vertrauen ihrer Kunden, Geschäftspartnern und Regulatoren gewinnen, müssen sie hohe ethische Standards haben. Verbesserte Sicherheitstechnologien allein reichen hier nicht aus.

Was sind die häufigsten »Blockaden« der Digital Transformation?
Zettel Die Veränderung hin zum digitalen Unternehmen vollzieht sich auf so vielen Ebenen, dass auch große internationale Konzerne derzeit noch in einer Art Schockstarre gefangen scheinen.
Das überrascht nicht, denn um im Wettbewerb ganz vorne mitzuspielen, muss sich auch eine Kultur der permanenten Veränderung im gesamten Unternehmen einstellen. Führungskräfte müssen sich der Bedeutung von Daten auch zur Entscheidungsfindung bewusst werden, vermeintliche Störungen für das Tagesgeschäft erkennen und digitale Risiken ernst nehmen. Stichwort Risiken. Endkunden sind skeptisch, wie Unternehmen mit Daten umgehen. Deswegen empfehlen wir, dass Unternehmen eine Big Data-Etikette entwickeln. Diese legt gegenüber den Kunden transparent fest, welche Daten herangezogen werden und zu welchem Zweck. Security muss zur Chefsache werden, beispielsweise durch die Etablierung eines Chief Data Officers.

Was müssen Unternehmen für eine Transformation beachten? Gibt es ein »Hausrezept« für den erfolgreichen Wandel?
Zettel Wir stellen fest, dass viele Unternehmen noch nicht den richtigen Plan für die digitale Transformation gefunden haben. Das ist fatal, denn dadurch verpassen sie große Chancen. Das ist auch das Fazit unserer aktuellen Studie »Digitalisierung entzaubern – Wie Österreichs Top100 digitale Blockaden lösen«. Ich gebe ein Beispiel: Was die Online-Shops für den Handel sind, kann das autonome Fahren für die Autoindustrie werden. Und hier geht es nicht nur darum, die Technologie dafür zu beherrschen, sondern um das Kundenerlebnis im selbstfahrenden Auto.
Im Mittelpunkt jeder digitalen Strategie muss der Mensch stehen. Ob als Kunde, Mitarbeiter oder Führungskraft. Alle diese Veränderungen brauchen Zeit. Denn ohne Mitarbeiter, die sich kontinuierlich an Veränderungen anpassen, mit Daten umgehen können, Tag für Tag neue Ideen hervorbringen und digitales Vertrauen haben, werden auch die besten Technologien nur wenig nützen. Wenn wir den Kunden neu entdecken und ihm neue Erlebnisse bieten wollen, dann müssen wir ihn auch von seiner digitalen Seite aus kennenlernen.

»Die meisten österreichischen Unternehmen nutzen bei weitem noch nicht die gesamte Bandbreite der Digitalisierung«, Michael Zettel, Country Managing Director, Accenture Österreich

»Die meisten österreichischen Unternehmen nutzen bei weitem noch nicht die gesamte Bandbreite der Digitalisierung«, Michael Zettel, Country Managing Director, Accenture Österreich

Wie kommen Unternehmen zu Innovationen, die ihre künftige Entwicklung erfolgreich beeinflussen?
Zettel Da stellt in der Tat eine große Herausforderung für viele Firmen dar. Accenture bietet seit kurzem im neuen »Accenture Future Camp« spezielle Workshops an, in dem wir gemeinsam mit unseren Kunden neue Ideen kreieren und gleich in erste Prototypen umsetzen. Der Design Thinking-Ansatz stellt dabei den Nutzer in den Mittelpunkt der Innovationsfindung. Interdisziplinäre Teams, Visualisierungen, Raum für Kreativität und dabei klar formulierte Ziele sind der Schlüssel zum Erfolg bei der Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen und digitaler Geschäftsmodelle.

Wie werden Unternehmen zu »Digital Leader«?
Zettel Die meisten österreichischen Unternehmen nutzen bei weitem noch nicht die gesamte Bandbreite der Digitalisierung. Die Aktivitäten sind bislang noch viel zu stark auf Effizienzverbesserungen fokussiert. Doch schon jetzt sollte der Blick auf den Kunden gerichtet werden. Wer beide Seiten – interne Prozesse und Kundenerlebnisse – im Blick hat und in einer strukturierten Entwicklung vorantreibt, wird zu einem erfolgreichen digitalen Unternehmen.

Was müssen die Unternehmen tun, um sich fit für die Zukunft zu machen?
Zettel Unternehmen brauchen »Radargeräte«, um möglichst frühzeitig neue Wettbewerber zu erkennen, die Märkte mit disruptiven Geschäftsmodellen erobern. Doch nicht alles kann in den bestehenden Strukturen entwickelt werden, Stichwort: Open Innovation. Wenn Unternehmen Ecosysteme rund um sich aufbauen, etwa in Kooperation mit Universitäten und Start-ups, sind sie schneller in der Lage, neue Marktchancen auszuloten.

Wohin geht die Reise noch? Wie sehen Sie die Unternehmenswelt im Jahr 2020?
Zettel Die Digitalisierung ist heute an einem Punkt angelangt, an dem die Möglichkeiten explodieren. Grund für den Quantensprung des technischen Fortschritts ist derzeit das enorme Wachstum der Computerpower. Wohin die Reise gehen wird, ist offen: Wird die Innovationsgeschwindigkeit auf diesem hohen Niveau bleiben, oder sogar noch weiter zunehmen? Der Roboter wird zum Kollegen, das Auto fährt autonom, die Mobilität vernetzt, die Fabrik heißt Smart Factory und das Smartphone wird zur Bankomatkarte. Ich bleibe weiter optimistisch: Zukunft passiert nicht, sie ist gestaltbar!
Vielen Dank für das Gespräch.

Steckbrief
Name: Michael Zettel
Funktion: Country Managing Director
Unternehmen: Accenture
Gegenstand: Weltweit führendes Dienstleistungsunternehmen, das eine breite Palette von Services und Lösungen in Strategie, Consulting, Digital, Technologie und Operations anbietet.
Web: www.accenture.at

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