AKH Wien & Datacenter 2014

Entflochtene Systeme

AKH_1Das Rechenzentrum des Wiener AKH lohnt eine Visite. Die eigene Welt eröffnet sich katakombengleich dem ehrfürchtigen Besucher im tiefen Geschoß von Österreichs größtem Krankenhaus. Inmitten mannsdicker Röhren der Haus- und Klimatechnik findet sich auf streng gesicherten Umwegen auch der Schatz der zentralen IT, das Rechenzentrum – verteilt auf zwei getrennten Standorten am Campus.

Das Parallelrechenzentrum wurde vor mehr als zehn Jahren vor allem aus einem Beweggrund geplant: Risikominderung. Denn wo zuvor mehr oder weniger ein Rechnerraum die Megaorganisation mit mehr als 10.000 Mitarbeitern und über 100.000 Patienten im Monat elektronisch steuerte, galt auch: Wenn das steht, steht das ganze AKH. Und das wiederum würde eine massive Einschränkung für die Gesundheitsversorgung bedeuten. Allein wenn man bedenkt, dass heute mehr als 50% aller Wiener Herzkatheter-Interventionen im AKH erfolgen, wäre der Ausfall dieser IT-Kapazitäten über einen längeren Zeitraum nicht abzudecken.

»Ärzte haben weder Lust noch Zeit, sich Gedanken über die Datenstrukturierung zu machen. Alles muss auf Knopfdruck geschehen«, Georg Schnizer, CIO des AKH Wien.

»Ärzte haben weder Lust noch Zeit, sich Gedanken über die Datenstrukturierung zu machen. Alles muss auf Knopfdruck geschehen«, Georg Schnizer, CIO des AKH Wien.

Debatten & Ökonomie. Im Jahr 2001 folgten nach den Ereignissen von 9/11 noch vor dem Baustart Diskussionen, ob es denn sinnvoll wäre, am selben Areal auch das zweite Datacenter hinzustellen. Georg Schnizer, seit 2010 CIO des AKH Wien, konnte sich letztlich durchsetzen, ein komplett autarkes Rechenzentrum mit eigenen Notstrom- und Kühlaggregaten zu errichten. Schnizer: »Inzwischen bin ich froh, dass alles in Gehweite ist, wenn es eine Störung gibt, und ich nicht irgendwo im Verkehrsstau stehen muss.«

Doch dann gingen die Diskussionen erst richtig los, die heute noch nicht abgeschlossen sind: Was parallelisiert man? Wie parallelisiert man? Welche Vor- und Nachteile hat Virtualisierung? Wie spiegelt man? Bis hin zur Diskussion: Wie hochverfügbar müssen wir wirklich sein?

Die Conclusio: »Um auch wirtschaftlich zu sein«, so Schnizer, »fahren wir im SAP – und das ist der Backbone bis hin zur Krankengeschichte – keinen hochverfügbaren Active/Active-Cluster sondern ganz klassisch einen Active/Passive-Node. Denn die elf Minuten, die wir brauchen, um bei einem Stillstand den ersten User wieder online zu bringen, sind auch für das Management voll okay.«

Besagte elf Minuten hatte Schnizer tatsächlich während des laufenden Betriebs ausgetestet, indem er den Active-Node zum Entsetzen seiner Techniker bewusst abschaltete. »Bei allen Diskussionen über Verfügbarkeit, 24-Stunden-Betrieb, Disaster Recovery und Notausfall – ein Patient verstirbt nicht deshalb, weil ein paar Minuten die EDV weg ist«, so der AKH-CIO.

Zwei, drei Tage dürfen es natürlich nicht sein – aber wenigstens hatte damit »das permanente Leichentuch-Wacheln« überbesorgter Ärzte durch die Einführung von Notfallplänen ein Ende.

Umdenken & Verfügbarkeit. Das initiierte auch ein deutliches Umdenken im Aufbau des Rechenzentrums. Ein Prozess, der bis heute anhält: »Wir sind wieder davon abgekommen, alles in einen großen zentralen Bereich zu stopfen«, so der bodenständige IT-Chef. »So wunderbar Storage-Virtualisierung und eine riesige VMware- Wolke sind, man macht immer wieder Redundanzen und baut unnötige Komplexität. Die Daten explodieren in Millionen und Milliarden von Files, Bildern und Videos – die Krankengeschichte wird immer multimedialer, die Recovery-Zeiten im Störfall werden immer höher.«

Schnizer weiter: »Das waren unsere Erfahrungen für das neue Rechenzentrum: Wir sind auf kleinere Einheiten gekommen, weg von zu großen Strukturen, auch um unabhängig von einer einzigen Hardwareplattform zu sein.« Seine Empfehlung: »Server aufteilen – ansonsten ist es in einem Störungsfall nicht mehr beherrschbar. Denn wenn etwas ausfällt, ist es zumindest weniger.«

Systeme & Benutzer. Der gestiegene Automatisierungsgrad hilft beim Management des Betriebs und der Prozesse. »Es wird natürlich sehr viel automatisiert, weil es sonst nicht zu schaffen wäre«, erzählt Schnizer. »So haben meine Techniker etwa eine Applikation geschrieben, eine Art Notfall-Button, durch den sich sämtliche Test- und Entwicklungssysteme automatisch herunterfahren lassen, was händisch heutzutage nicht mehr in kurzer Zeit möglich wäre.«

Die vielzitierte Agilität, die Software in das Rechenzentrum bringen soll, um die IT-Services zu verbessern, bemisst Georg Schnizer vorsichtig: »Es geht eher darum, das bisherige Limit zu halten. Die alten Applikationen waren für alle leicht beherrschbar. Auf ein neues System müssen sich die Leute erst einstellen.«

Forensischer Nachweis. Das Verhältnis zum AKH-Business und zur Medizin ist im Laufe der Jahre »gewachsen«, setzt Schnizer fort: »Doch die Wünsche sind heute viel stärker. Die Ärzte haben weder Lust noch Zeit sich Gedanken über die Datenstrukturierung zu machen. Spracherkennung wird als ganz natürlich erwartet: Sie wollen ihren Befund in Prosa diktieren, und später aber auswertbare Daten. Alles muss auf Knopfdruck gehen. Die Erwartungshaltung ist wesentlich gestiegen.

Die Dokumentation von Vorfällen – Was ist wann und wie gewesen? – wird extrem wichtig, um im Streitfall forensisch nachweisen zu können, welche Informationen der Arzt zu welcher Zeit hatte. Bei sensiblen Daten dürfen im System keine Fehler passieren – etwa durch ein nicht funktionierendes Update –, weil dadurch große Schäden entstehen können. Auch die Erwartungshaltung in der Medizin, Expertensysteme einzubringen und diese rund um die Uhr in Schuss zu halten, ist enorm gestiegen.«

User & Zufriedenheit. Und die Zufriedenheit der Anwender? »Kommunikation ist sehr wichtig, um eine richtige Erwartungshaltung zu vermitteln«, sagt Schnizer. »Dadurch kommen wir in punkto Zufriedenheit ans Ziel, weil die Ärzte immer mehr erwarten und wollen, dass alles noch schneller und besser geht. Vor allem Digitalisierung und Automatisierung wird erwartet, etwa bei den Krankenakten.«

Die Applikationswelt soll sich generell in den nächsten Jahren wieder um 80% verändern – was erwartet Georg Schnizer? »Ja, da kommt eine gewaltige Änderung auf uns zu. Wenn ich beispielsweise ELGA hernehme, so dreht sich damit vieles um. Gott sei Dank ist mittlerweile die Normierung sehr weit fortgeschritten, z.B. wird der Entlassungsbrief aus den verschiedenen Spitälern gleich strukturiert. So findet jeder Hausarzt nun ganz schnell die Therapie- oder die Medikamentenempfehlung. Denn der Arzt muss sofort auf den Originalbefund kommen und die Validität des Wertes sehen, sonst kann es schnell gefährlich werden.«

Die aktuellen Projekte und Ziele des AKH-CIOs, speziell im Zusammenhang mit dem Datacenter: »Abgesehen davon, dass wir versuchen, alles wieder auf sinnvolle, machbare Einheiten aufzuteilen, haben sich durch die Einführung der Informationssicherheitszertifizierung und der Prozessgestaltung Änderungen ergeben. Diese prozessspezifische Unterstützung hat wieder Auswirkungen auf die Systeme darunter.«

Und schließlich: »Heutzutage ist das Rechenzentrum komplexer und der Betrieb in vielen Dingen einfacher geworden. Man muss versuchen, diese gestiegene Komplexität herausnehmen. Und die Hersteller sind umso mehr gefordert, eine einfache Unterstützung bereitzustellen.«

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