Frauen in der Technik

Denn sie wissen, was sie tun

Die Jobaussichten sind glänzend, und der Verdienst stimmt – trotzdem machen viele Mädchen und junge Frauen noch immer um technische Berufe einen großen Bogen. Dabei wird der Bedarf an Software-Entwicklern, Informatikern, Elektrotechnikern und anderen technischen Jobs in der digitalen Arbeitswelt künftig noch deutlich steigen. Höchste Zeit also, alte Rollenklischees über Bord zu werfen, sagen Experten.

Eines der hartnäckigsten Vorurteile unserer Gesellschaft ist, dass Frauen und Technik nicht zusammenpassen. Doch eine geschlechterspezifische Eignung für bestimmte Bereiche gibt es nicht, auch nicht in Technik und Naturwissenschaften. »Von der Kinderuni wissen wir, dass Interesse und Talente bei Mädchen und Burschen bis zwölf Jahre gleichermaßen vorhanden sind«, weiß Sabine Seidler, Rektorin der Technischen Universität Wien. »Danach geht etwas verloren. Unterstützt wird dieser Effekt durch lange geübte gesellschaftliche Rollenbilder.«

Rollenklischees bremsen Wandel. Schon seit rund 15 Jahren buhlen Unternehmen und Wirtschaftsverbände beim jährlichen Töchtertag und bei vielen anderen Aktionen um den weiblichen Nachwuchs. Zuletzt entschieden sich zwar etwas mehr junge Frauen für ein technisch-naturwissenschaftliches Studium, doch vor allem in vielen technischen Ausbildungsberufen herrscht nach wie vor Frauenmangel, wie etwa aus der Studie »MINT Nachwuchsbarometer« der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften hervorgeht.

Das liegt wohl zuallererst an den Hürden in den Köpfen. Schon in der Schulzeit wird Mädchen der Studie zufolge in der Familie und im Freundeskreis fünf Mal häufiger von einer technischen Ausbildung abgeraten – mit entsprechenden Folgen: Viele Mädchen und junge Frauen trauen sich gar nicht erst zu, in technischen Disziplinen beruflich Fuß zu fassen.

»Wenn Herzblut daran hängt, ist alles es wert, sich hineinzusteigern«, Sarah Konetschny, Operations Management bei T-Systems

»Wenn Herzblut daran hängt, ist alles es wert, sich hineinzusteigern«, Sarah Konetschny, Operations Management bei T-Systems

Mehr als ein Drittel der Schülerinnen, die sich gegen eine solche Ausbildung entschieden, geben als Grund die »Entmutigung durch ihr soziales Umfeld« an. Und auch bei den gleichaltrigen Kollegen können junge Frauen nicht immer auf Unterstützung hoffen: Gut ein Fünftel der männlichen Lehrlinge in technischen Berufen glaubt, dass Frauen das Verständnis, Geschick und die körperlichen Voraussetzungen dafür fehlten. Das ist aber Unsinn.

Gründe für ein technisches Studium. Mangelndes Technikinteresse kann man den Frauen, die sich entschieden haben, entgegen allen Stereotypen Ingenieurwissenschaften zu studieren, nicht vorwerfen. Studien haben gezeigt, dass Frauen Technik nicht wegen der Karriereerwartungen, sondern vor allem wegen der Inhalte des Faches studieren. Das unterstreicht auch ein Besuch bei T-Systems Austria, wo drei 27-jährige junge Frauen selbstbewusst über ihren bisherigen Werdegang und ihre weiteren Ziele erzählen.

Elementare Ansichten. Sarah Konetschny aus dem burgenländischen Illmitz und Kerstin Hofstätter aus dem steirischen Friedberg stammen beide aus ländlichen Umgebungen, wo Freunde und Familienmitglieder grosso modo immer die gleiche oder eine ähnliche Ausbildung anstrebten.

»Es ist extrem interessant herauszufinden, was dahinter steckt«, Kerstin Hofstätter, Quality Assurance & Incident Management

»Es ist extrem interessant herauszufinden, was dahinter steckt«, Kerstin Hofstätter, Quality Assurance & Incident Management

Doch nicht die beiden jungen Damen: Während für Konetschny schon in Kindheitstagen »Technik interessanter war, als mit Puppenküchen zu spielen« und die damalige Computer-Schulstunde mit Internet-Surfen als »absolutes Nonplusultra « schließlich den Weg an die FH Eisenstadt mit Schwerpunkt Netzsicherheit und Systemadministration ebnete, brachte die neue Technik, inklusive Internet, Roboter- und App-Programmierung, sowie die grundsätzliche Neugierde Kerstin Hofstätter an die HTL Pinkafeld mit Zweig EDVO. Hofstätter: »Technik ist spannend, weil ich es extrem interessant finde, herauszufinden, was hinter dem Begriff steckt. Ich musste schon immer wissen, wie die Funktionsweise dahinter ist. Außerdem ist es eine Herausforderung, sich in der männerdominierten Welt der Technik durchzusetzen und beweisen zu können.«

Unmittelbar nach Schulabschluss startete Hofstätter ihr Arbeitsleben bei der Volksbanken AG im 2nd-Level-Support. »Ein idealer Einstieg für das, was ich jetzt tue.« Bei T-Systems begann sie 2012 im Change Management, versorgt nun Quality Assurance sowie Incident & Problem Management und ist begeistert: »Das beinhaltet die Koordination von kritischen Incidents und Problem-Analysen sowie interne und externe Prozess- und Quality-Programme.«

Sarah Konetschny fühlt derzeit sogar »Sternchen in den Augen wie am ersten Tag«. Nach 5,5 Jahren Tätigkeit bei T-Systems als Application und Systems Specialist sowie Operations Manager ist sie nun in der Betriebsoptimierung fürs Monitoring zuständig: »Das ist vergleichbar mit meiner Facharbeit über Tool-Evaluierung: das Internet durchforsten, was es alles gibt, austesten, lesen, tabellarisch verankern, das Für und Wider bewerten«, strahlt sie. Und ergänzt: »Als Kindergärtnerin oder Krankenschwester wäre ich komplett deplatziert. Aber letztlich ist es egal, was man macht: Wenn das Herzblut daran hängt, ist alles es wert, sich hineinzusteigern.«

In die Wiege gelegt. Die städtisch geprägte Wienerin Kerstin Voglauer wiederum kann eine soziale Prädisposition nicht leugnen. Der Vater, Abteilungsleiter für Rechenzentrumsbetrieb von Beruf, nahm sie bereits früh in seine Firma mit und erschloss ihr die Welt der Kennzahlen und Korrelationen. Schon als kleines Mädchen schrieb sie in ihr Stammbuch: »Ich will in die IT!«

»Big Data vereint für mich Hobby und Beruf«, Kerstin Voglauer, Big Data Analyst & Consultant

»Big Data vereint für mich Hobby und Beruf«, Kerstin Voglauer, Big Data Analyst & Consultant

Nach Abschluss am Technikum Wien und studienbegleitenden Tätigkeiten als Data Specialist bei CSC Austria arbeitet sie seit 2014 als BI and Big Data Consultant bei T-Systems. Über ihre Arbeit sagt sie: »Spannend an der Position eines Big Data Analysts/Consultants ist das vollkommen neue Berufsbild. So hat man auch als junger Mensch mit noch nicht so viel Erfahrung dieselben Startvoraussetzungen wie Kollegen, die bereits Jahrzehnte an Berufserfahrung mitbringen.« Und weiters: »Big Data vereint für mich Hobby und Beruf: Es gibt weltweit Communities zu Themen wie Hadoop, Internet of Things und Data Science mit zahlreichen Möglichkeiten sich auszutauschen, Erkenntnisse weiterzugeben und voneinander zu lernen.«

Am interessantesten findet Kerstin Voglauer »Projekte, in denen man den Kunden von Presales-Aktivitäten bis hin zur Projektabnahme begleitet«. Denn: »Eine wesentliche Komponente meines Berufs ist es, Kunden herstellerunabhängig zu beraten. Das war mir bei der Wahl meines Jobs wichtig, denn der Kunde soll mit den Technologien, Methoden und Herstellern arbeiten können, die am besten auf seine Anforderungen zugeschnitten sind. Das macht auch den Dialog mit dem Kunden besonders spannend: Welche Bedenken hat er und welche Vor- und Nachteile bergen welche Technologien? Dafür gilt es ständig am Laufenden zu bleiben. Das gelingt nur mit einer großen Portion Neugier, dem Tatendrang, Technologien selbst auszuprobieren, und dem entsprechenden Netzwerk.«

Klischees aufbrechen. Für den Mangel an weiblichen Ingenieuren sind Unterschiede in der Techniksozialisation bei Mädchen und Jungen ohne Zweifel eine wichtige Ursache. Es gibt verschiedenste Gründe, warum Frauen ein technisches Studium ergreifen. An vorderster Stelle steht sicher ein Interesse an Naturwissenschaften bzw. Mathematik.

»Wenn eine Frau etwas wirklich will, wird sie es schaffen«, Sabine Seidler, Rektorin der Technischen Universität Wien

»Wenn eine Frau etwas wirklich will, wird sie es schaffen«, Sabine Seidler, Rektorin der Technischen Universität Wien

Wissenschaft und Wirtschaft, letztlich die Gesellschaft, können es sich nicht leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten. Doch es braucht nicht weniger als einen Kulturwandel hin zu einem klischeefreien Frauenbild, das realistisch und weithin sichtbar ist. Das überholte Bild der »männlichen Technik« muss endgültig begraben werden. Rollenbilder müssen aufgebrochen werden.

Auch wenn heute eine wesentlich höhere Sensibilisierung und ein spürbarer Wille zur Veränderung wahrnehmbar sind, sind wir nach wie vor nicht am gewünschten Punkt. Aber Probleme lassen sich nur lösen, wenn man an ihnen dran bleibt, ist auch der Tipp von TU-Rektorin Sabine Seidler an alle Frauen: »Ein Thema finden, für das man sich begeistert, notwendige Kompetenzen aufbauen und an seiner Vision festhalten. Keine Frau sollte sich einreden lassen, sie könne etwas nicht. Wenn sie es wirklich will, wird sie es schaffen.«

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